Conrad-von-Soest-Gymnasium


 

Was hat unsere Schule mit Conrad von Soest zu tun?

Über eine falsche, aber dennoch goldrichtige Namengebung            

von Jochen Grade*

 

 

Warum heißt unsere Schule eigentlich Conrad-von-Soest-Gymnasium? Wer war Conrad von Soest? Und was hat das Convos mit diesem Namengeber zu tun? Mehr noch: Ist es eigentlich richtig, sich Conrad von Soest als Namengeber zu erwählen? Diese Fragen werden häufig gestellt, nicht nur anlässlich eines Jubiläums, und – zugegeben – hätte man bei der Namengebung vor nunmehr 25 Jahren genau dieselben Kriterien angewendet wie beim Aldegrever-Gymnasium oder der Christian-Rohlfs-Schule, dann müsste unsere Schule heute einen anderen Namen tragen.

Während Heinrich Aldegrever Bürger unserer Stadt und wie Christian Rohlfs ein hier schaffender Künstler war, lebte Conrad von Soest in Dortmund und besaß die Bürgerrecht der Reichsstadt. Auch legen namhafte Kunsthistoriker noch in ihren neuesten Veröffentlichungen dar, dass sich heute keine Kunstwerke aus der Hand Conrads mehr in Soest befinden.

 
von Soest? von Dortmund!

Conrads Leben ist nur durch zwei Dortmunder Quellen spärlich bezeugt. Aus ihnen lässt sich schließen, dass der Maler von ca. 1360 bis kurz nach 1422 gelebt hat. Nach einem Heiratsvertrag vom 11. Februar 1394 nahm er Gertrud von Münster zur Frau. Als Trauzeugen unterschrieben die beiden damals amtierenden Bürgermeister von Dortmund, Lambert Berswordt und Arndt Sudermann, sowie vier weitere aus dem Patriziat stammende Ratsmitglieder. Conrad von Soest stand also in enger Verbindung zum Patriziat und war selbst auch recht wohlhabend. In dem Heiratsvertrag legte er fest, dass seine Frau, wenn er vor ihr erbenlos sterben würde, die damals ungewöhnlich hohe Summe von 200 Mark Dortmunder Pfennige erben sollte.[1]

Die Zugehörigkeit zur Oberschicht wird auch durch die Mitgliedschaft Conrads und seiner Frau in den Bruderschaften der Dortmunder Marien- und Nikolaikirche belegt, denen auch viele der wohlhabenden, einflussreichen und mächtigen patrizischen Familien angehörten.[2] Der Name von Soest ist also nicht der Herkunfts-, sondern der Beiname des Künstlers.

Soester Lokal- und Kunsthistoriker, vor allem Hubertus Schwartz, haben dagegen immer wieder den Nachweis zu erbringen versucht, dass Conrad zumindest in Soest künstlerisch gearbeitet und daher hier eine Zeit lang gelebt hat.[3] Aber selbst die Nikolaustafel in der Nikolaikapelle am Dom, der auch die neuesten kunstwissenschaftlichen Untersuchungen eine Nähe zu Conrad von Soest zuschreiben, wurde wohl nicht von ihm gemalt. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen mit Conrads Hauptwerk, dem Wildunger Altar,[4] die Kunsthistorikerin Brigitte Corley weist aber nach, dass der Entwurfs- wie der Malstil des Künstlers in wesentlichen Bereichen von denen Conrads abweicht.[5]

 
Verbindungen zu Soest

Müssen wir den Namen Conrad von Soest wegen fehlender Soest-Bezüge unseres Patrons also ablegen und uns stattdessen, wenn wir bei einem Malernamen bleiben wollen, etwa Hans-Kayser- oder Richard-Cox-Gymnasium nennen? Wohl nicht. Denn es gibt einiges, was Conrad mit der Stadt Soest verbindet.

Zunächst Biographisches. „1331 erhielt ein Maler Werner von Soest das (Dortmunder) Bürgerrecht, 1348 (...) ist es ein Maler Werner. Entweder handelt es sich beide Male um denselben Maler, der von Soest nach Dortmund und nach einem Zwischenaufenthalt anderen Ortes wieder zurückkam. Oder es sind zwei verschiedene Werner. Auf jeden Fall ist eine verwandtschaftliche Beziehung (Conrads) als Sohn des Wernerus pictor oder als Enkel des Wernerus pictor de Sosato anzunehmen.“[6]

Vielleicht lebten ja noch Verwandte Conrads in Soest. Zudem gab es enge Beziehungen zwischen dem Soester und dem Dortmunder Patriziat, das zu den wichtigsten Auftraggebern Conrads gehörte. Als Mitglieder der Hanse kooperierten beide Städte, wenn auch nicht immer spannungsfrei, in Politik und Handel. Und da Dortmund und Soest ja nicht sehr weit auseinander liegen, ist nicht auszuschließen, dass Conrad unsere Stadt besucht und über die religiöse Kunst und andere Seiten des Stadtlebens hier manches gewusst hat.

Zudem ist die Malerei Conrads zwar nicht direkt, aber indirekt noch heute in Soest zu bewundern. Das Wandbild in der Petrikirche, das die Kreuzigung darstellt, der Hauptaltar in der Paulikirche, auch hier vor allem wieder die Darstellung der Kreuzigung, der Jakobialtar in der Wiesenkirche und die Nikolaustafel sind im Bildaufbau, in der Darstellung der Motive und Figuren, z.T. auch in der Farbgebung durch die Malerei Conrads stark beeinflusst worden. Vielleicht waren es ja seine Schüler, die diese und weitere andere Bilder in Soester Kirchen angefertigt haben. Wenn man die aus dem Soester Walburgisstift stammenden, heute im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte ausgestellten Tafeln mit den Bildnissen der hl. Dorothea und der hl. Odilia, die von Conrad stammen, dazurechnet, dann beweist sich, dass die Malerei im Soest des ausgehenden Mittelalters wie in kaum einer anderen Stadt von Conrad mit geprägt worden ist. Und noch heute können wir durch die sakrale Kunst die Religiosität und Spiritualität der Zeit Conrads, dem Herbst des Mittelalters, in unseren Kirchen nachempfinden.

 
Conrads künstlerischer Rang

Aber selbst wenn es diese Soest-Bezüge nicht gäbe, ehrt es unsere Schule, Träger des Namens eines der bedeutendsten norddeutschen Maler des ausgehenden Mittelalters zu sein. Geprägt durch seine Lehrzeit in Pariser Werkstätten, beeinflusst in seinem Schaffen sowohl von niederländischer wie venezianischer oder lombardischer Buch- und Tafelmalerei, aber auch westfälische malerische Traditionen aufnehmend[7], hat Conrad von Soest bei der Einführung und Verbreitung des Internationalen Höfischen Stils um und nach 1400 in Norddeutschland eine zentrale Rolle gespielt. Von Frankfurt über Westfalen, die Niederlande, Hamburg, Lübeck bis nach Stockholm und England finden sich noch heute in Kirchen (oder Museen) religiöse Bilder, deren Maler sich die Kunst Conrads zum Vorbild nahmen.[8] Sie kannten seine Kunstwerke, die sich durch die hansischen Handelsbeziehungen verbreiten konnten. Einige von Conrads Nachfolgern haben ihn sicher in Dortmund aufgesucht, um bei ihm zu lernen, oder sie haben in den dortigen Kirchen seine Werke studiert.[9] Besonders großen Einfluss übte die Malerei Conrads auf den Meister der hl. Veronika, den Begründer der Kölner Schule, aus.[10] Die großen Stilähnlichkeiten mit Conrad von Soest zeigen, wie gut dieser ebenfalls bedeutsame spätmittelalterliche Maler mit dem Werk Conrads vertraut war.[11] Brigitte Corley merkt an, dass „das Können des Conrad von Soest (...) ganz offenbar nicht allein von seinen Auftraggebern, sondern auch durch die zeitgenössischen Künstler anerkannt worden ist.“[12] Sie fährt fort: „So hat Conrad von Soest in der Entwicklung der nordeuropäischen Kunst eine zentrale Rolle gespielt. Angesichts der bedauerlichen Zerstörung von Kunstwerken dieser Zeit bilden die Altäre und Bildtafeln Conrads ein kostbares Erbe.“[13]

Wie diese Autorin schätzen die Kunsthistoriker ganz allgemein Conrad als vollendeten Könner und kreativen und intelligenten Maler![14]

 
Die Nikolaustafel

Am Schluss möchte ich noch einmal auf die Nikolaustafel zu sprechen kommen. Auch wenn sie „nur” aus der Schule Conrads stammt oder ihr Maler „nur” durch seine Bilder angeregt wurde – sie allein reichte als Legitimation für den Namen unserer Schule aus:

Sie stellt  eine religiöse Botschaft anschaulich und fasslich in Bildgestalt als Synopse dar. Das Medium Bild vereinfacht zwar das komplexe theologische Programm und ermöglicht zudem, dass die Heilsbotschaft auch in „naiver” Frömmigkeit geglaubt werden kann, aber ohne Wissen können die Einzelheiten und Zusammenhänge des Dargestellten (also die Ikonographie des Bildes) nicht erschlossen werden. Persönliche Verantwortung für Komposition und „Lernprogramm” des Bildes übernimmt der Stifter, der, mit dem Spruchband in seine Händen, leicht rechts vor dem Thron des hl. Nikolaus kniet. Dabei handelt es sich wohl um Johannes Schürmann, um 1410 Probst von Soest.[15]

Die männlichen Heiligen, die Nikolaus flankieren, links Johannes der Täufer, rechts Johannes der Evangelist, sind u.a. Schutzheilige der Theologen, also der Schriftausleger und Wortarbeiter. Ihre Wortmächtigkeit wird auch durch die Bücher, die sie halten, charakterisiert. Auch die beiden weiblichen Heiligen, links die hl. Katharina von Alexandria, rechts die hl. Barbara, starben als Märtyrerinnen, weil sie erfolgreich das Wort Gottes verkündigten. Die hl. Katharina konnte sich sogar in einer Debatte durch die besseren Argumente erfolgreich gegen viele männliche – heidnische – Gelehrte durchsetzen.

Von den Wundern des hl. Nikolaus werden diejenigen gezeigt, die er an und für Jugendliche gewirkt hat. Rechts ist das Wunder an den drei jungen Frauen dargestellt, durch die er sie, wie es heißt, vor einem unsittlichen Lebenswandel bewahrt hat. Links sieht man die Scholaren, die Schüler, die der Nikolaus wieder zum Leben erweckt hat, nachdem sie ein böser Metzger noch lange vor den Zeiten gewaltfeiernder Kino- und Videofilme geschlachtet und portioniert in ein Pökelfass gesteckt hatte. Durch sein Eingreifen hat der hl. Nikolaus also dafür gesorgt, dass die Schüler ihre Studien weiter betreiben konnten. So ist es nicht verwunderlich, dass Nikolaus der Patron vieler mittelalterlicher Schulen war und auch heute noch der zweite Patron der Universität Paris ist.

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Im Nachsinnen fällt mir gerade auf, dass in der Soester Nikolaustafel sich demnach einige pädagogische Grundprinzipien unseres Schulprogramms verstecken. Also sollten wir uns nicht Nikolaus-Gymnasium nennen? Würde eine Nikolaus-Logo nicht eher akzeptiert werden als das Conrad-Logo

Aber das ist ein anderes Thema...      

 


[1] Vgl. Brigitte Corley: Conrad von Soest. Maler unter fürstlichen Kaufherrn. Berlin 2000, S. 15.

[2] Vgl. Brigitte Corley, a.a.O., S. 15 f. 

[3] Vgl. Hubertus Schwartz: War Meister Konrad von Soest ein Soester oder Dortmunder? In: Soester Zeitschrift, 65. Heft. Soest 1953. S. 41 ff. 

[4] Vgl. Arthur Engelbert: Conrad von Soest – Ein Dortmunder Maler um 1400. Dortmund. Köln 1995. S. 128 f.  

[5] Vgl. Brigitte Corley, a.a.O., S. 77 ff. 

[6] Arthur Engelbert, a.a.O., S. 22.

[7] vgl. Brigitte Corley: a. a. O., S. 149 ff. 

[8] vgl. Brigitte Corley: a. a. O., S. 155 ff. 

[9] vgl. Brigitte Corley: a. a. O.., S. 156 

[10] Vgl. Brigitte Corley, a.a.O., S. 170.

[11] Vgl. Brigitte Corley, a.a.O., S. 174.

[12] Brigitte Corley, a.a.O., S. 189.

[13] Brigitte Corley, ebd.

[14] Vgl. Brigitte Corley, a.a.O., S. 189.

[15] Schürmann kam aus Schüren bei Dortmund und unterhielt auch als Soester Probst enge Beziehungen zur Reichs- und Hansestadt zu einer Zeit, in der Conrad dort lebte und arbeitete. Und unter Berücksichtigung gewisser von Kunstwissenschaftlern festgestellter malerischer Übereinstimmungen zwischen der Nikolaustafel und dem eindeutig Conrad zugeschriebenen Wildunger Altar könnte man doch wieder vermuten, dass die Nikolaustafel etwas mit Conrad zu tun hat. (Darüber wird übrigens unser ehemaliger Kollege Othmar Rütting im nächsten Jahr in der Soester Zeitschrift ausführlichere und genauere Angaben machen.)

* Beitrag aus der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen unserer Schule (2001)



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