Die Geschichte der Schule
Ein Puddingabitur wurde stets abgelehnt
Von der privaten Mädchenschule
zum
Conrad-von-Soest-Gymnasium
"For the times they are a-changing." (Bob Dylan 1963)
Jochen Grade über 173 Jahre Schulgeschichte*
Der folgende Aufsatz soll keine wissenschaftliche Schulgeschichte sein. Hätte ich die schreiben wollen, hätte vieles noch erforscht, Berge von Akten hätten durchgearbeitet werden müssen - ich hätte mir eine Sabbatjahr nehmen müssen. Ich konnte also auf Anmerkungen verzichten; so wird der Text lesbarer.
Ich habe aus der Lehrerperspektive geschrieben. Im Mittelpunkt steht die Darstellung des Wandels der Schule, vor allem ihrer Bildungskonzepte und Organisationsstruktur. Wo es zum besseren Verständnis der Schulgeschichte notwendig war, bin ich auch auf die Allgemeingeschichte, die Bildungsgeschichte und die Geschichte der Stadt Soest eingegangen. Auf das Dauerhafte bin ich nicht und auf Lehrer, Schüler und Eltern, die ja eigentlich Schule ausmachen, bin ich nur am Rande eingegangen. Will man über die etwas erfahren, muss man die weiteren Beiträge in unserer Jubiläumsschrift lesen, was man auch deshalb tun sollte, weil erst durch die Ergänzung meines Aufsatzes durch die Einzelbeiträge ein komplexeres Bild von der Geschichte unserer Schule entstehen kann.
War eine Schulgeschichte notwendig, wo es doch schon Beiträge dazu aus der Vergangenheit gibt? Unbedingt! Und zwar nicht nur deshalb, weil meine Arbeit die Schulgeschichte bis in die jüngste Zeit darstellt, also etwas ergänzt, was die zeitlich früheren Beiträge nicht enthalten können. Sie zu schreiben war vor allem deshalb notwendig, weil es die Aufgabe jeder neuen Generation ist, sich durch Auswahl, Gewichtung und Formulierungen ein Bild von den Lebensräumen der Vergangenheit zu machen.
Daten
Und nun ein Überblick für eilige Leser, die über das Vorwort nicht hinauskommen, oder die, die vorab eine Orientierung brauchen:
· 1828 Gründung der privaten Töchterschule
· 1876 Übergang in die Trägerschaft der Stadt als Städtische höhere Mädchenschule
· 1927 Ausbau zum Oberlyzeum mit Abiturabschluss
· 1930 Ablegung des ersten Abiturs
· 1937 Ablegung des letzten “wissenschaftlichen Abiturs” vor dem Zweiten Weltkrieg
· 1938 Eingliederung des privaten katholischen Hildegard-Lyzeums
· 1946 Wiedereröffnung als Oberschule für Mädchen neusprachlicher Form
· 1972 Ende des Mädchengymnasiums durch Einführung der Koedukation
· 1973/74 Einführung der reformierten Oberstufe und damit Enttypisierung des Gymnasiums
· 1976 Umzug in das Schulzentrum am Paradieser Weg 92
· 1980/81 Einführung der Blindenintegration
1. Die Gründungsväter
Die private Mädchenschule (1828 – 1876)
Den Anfang machten die Hausväter, ein Verein Soester Honoratioren. Nachdem 1821 – nach nur knapp zweijährigem Bestehen – das 1819 eingerichtete Töchterinstitut wegen des geringen Lehr- und Lernerfolgs und wohl auch wegen schlechter materieller Ausstattung geschlossen wurde, gründeten sie 1828 eine neue private Mädchenschule.
Eigentlich war in Soest ja Abbruchzeit. In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts rückte man dem mittelalterlichen Stadtbild auf den Leib. Abgebrochen wurden, bis auf das Osthofentor, alle Stadttore, die Kirche des Dominikanerklosters an der Brüderstraße sowie die Georgenkirche am Markt, um nur einige der wichtigsten Gebäude zu nennen. Auch das Renaissance-Gebäude des Archigymnasiums wurde 1821 abgebrochen. Zudem hatte Soest ja längst seine Bedeutung und Wirtschaftskraft, die es im Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit besessen hatte, verloren.
Aber das Schulwesen in Soest erlebte seit Anfang des Jahrhunderts einen Aufschwung. 1806 war das Lehrerseminar von Wesel nach Soest gekommen. 1824 beteiligte sich die Stadt Soest, trotz geringer Finanzkraft, durch die Übernahme der Schulpflege für die drei Pfarrschulen, die mit neuen Gebäuden quasi in die Trägerschaft der Stadt übergingen, an der Reform des Schulwesens. Und dann also wurde – Ferdinand Freiligrath arbeitete und dichtete schon drei Jahre in der Stadt – 1828 das private Mädcheninstitut gegründet, der Vorläufer des späteren städtischen Mädchengymnasiums.
Die Hausväter dürften wohl kaum beabsichtigt haben, durch eine höhere Allgemeinbildung, die diese neue Schule vermitteln sollte, aus ihren Töchtern solch gebildete und emanzipierte Frauen wie die Berliner Salonlöwin Rahel Varnhagen oder die Dichtermuse Bettina von Arnim zu machen. Wenn man sich in westfälischen und doch preußisch gesinnten Soester Honoratiorenkreisen in Bildungsfragen an Berlinerinnen orientierte, dann eher an der früh verstorbenen und vergötterten Königin Luise, die, wenngleich selbst wenig gebildet, die Intensivierung der Mädchenbildung stark beeinflusst hat und deren Vorstellungen von der 1811 gegründeten Luisenstiftung weiter popularisiert wurden.
Den Ausschlag für die Einrichtung einer neuen Schule nur für Mädchen gaben wohl praktische Gründe. Die Elementarschulen waren überfüllt, ihr Niveau freilich war eher mäßig, aber es war Geld vorhanden, um die neue Schule zu unterhalten. Die Schule war zudem exklusiv, grenzte die “höheren Töchter” des Besitz- und Bildungsbürgertums von dem Mädchen aus dem Volke ab und versprach eine standesgemäße Erziehung. Dazu gehörte vor allem eine Grundbildung, die es den späteren Ehefrauen ermöglichen sollte, das Haus bei gesellschaftlichen Anlässen angemessen und erfolgreich zu repräsentieren.
Aber nicht ein hoher Anspruch an Schule aus familiärer Bildungstradition allein oder Standesdünkel erklären das Engagement der Hausväter. Es ist nicht zu verstehen ohne Berücksichtigung der Aufklärung, der Emanzipationsbestrebungen und Bildungsdebatten der Französischen Revolution, und vor allem nicht ohne die Wirkung der Preußischen Reformen, deren nicht unwichtiger Teil, die Humboldtsche Bildungsreform, einen Nachklang in den Debatten bis nach 1819 fand. Der Zeitgeist war es also auch, der Bildung – auch für Mädchen – auf die Tagesordnung gesetzt hatte.
37 Schülerinnen wurden von zunächst einem Lehrer in zwei Klassen unterrichtet, die eine vormittags, die andere nachmittags. Die erste Klasse wurde von Schülerinnen im Alter von sieben bis zehn, die zweite Klasse von Schülerinnen im Alter von elf bis vierzehn Jahren besucht. Die Fachaufsicht wurde vom Seminarinspektor Ehrlich ausgeübt. Auf dem Lehrplan standen: Lesen, Schreiben, Rechnen, deutscher Aufsatz, biblische Geschichte, Gesang und für die höhere Klasse Geographie und Zeichnen.
Die Schule kam an. Die Schülerzahl stieg, sodass 1832 an der Ecke Kolk- und Thomästraße ein neues Schulgebäude mit zwei Klassen eingerichtet werden konnte. Da der Andrang noch zunahm, wurde 1856 eine dritte Klasse gebildet wurde und man stellte eine weitere Lehrerin ein, die Deutsch, eine Fremdsprache und Handarbeit unterrichtete. 1863 bekam die Schule einen anderen Namen. Sie nannte sich nun “Mittelschule für Töchter” und - nomen est omen - der Name schon sollte deutlich machen, dass die in Soest fehlende öffentliche Mittelschule für Mädchen ersetzt werden sollte. Und der um die Fächer deutsche Sprache, Geschichte, Geographie, Naturkunde und Fremdsprachen (Englisch und Französisch) erweiterte Lehrplan
ließ erkennen, dass das Niveau der Schule deutlich über dem der Elementarschulen liegen sollte.
1864 wurde die Schule durch eine königliche Kabinettsordre zur juristischen Person, wodurch die staatliche Anerkennung erfolgt war. Dann geriet die Schule in eine Krise. Offensichtlich genügte die Qualität des Unterrichts einer Anzahl von Eltern nicht mehr, sodass sie ihre Töchter auf einer anderen Privatschule anmeldeten. 1870 besuchten 71 Schülerinnen die Schule. Sie wurden nun von einem Rektor, einer Lehrerin und einer sog. Industrielehrerin für das Fach Handarbeiten unterrichtet.
2. Der lange Weg zum Abitur
Die städtische Höhere Mädchenschule (1876 – 1930)
Ostern 1876 nahm die nun städtische Höhere Mädchenschule den Unterrichtsbetrieb auf, nachdem der Verein der Privatmädchenschule das Schulgebäude und sein Vermögen der Stadt überlassen hatte. Nur so konnte die materielle Ausstattung der Schule gesichert, ihre Qualität gehoben und der Krise begegnet werden.
Überall nur Wandel - die Entstehung des modernen Soest
Die Stadt bekundete durch die Übernahme der Trägerschaft ihr Interesse daran, dass auch in Soest eine qualitätvolle Mädchenbildung erhalten blieb, wo möglich sogar verbessert wurde. Sie reagierte auf den raschen ökonomischen und sozialen Strukturwandel in Deutschland, der bewirkte, dass sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft, im öffentlichen Leben und der Berufstätigkeit, veränderte. Die Frauenarbeit nahm quantitativ zu, und vor allem nach der Jahrhundertwende entstanden neue Berufe für Frauen im Dienstleistungsbereich, im öffentlichen Dienst und als Selbstständige, die nur durch bessere Qualifikationen auszuüben waren.
Wie gewaltig der Wandel auch in Soest war – sodass man am Ende dieser Epoche der Stadtgeschichte von einem neuen, modernen Soest sprechen kann – verdeutlicht eine bloße Aufzählung der vielen Veränderungen im ökonomischen Bereich, im Bereich der kommunalen Infrastruktur und im Schulwesen.
· 1850 wurde die Eisenbahnstrecke Soest- Paderborn eröffnet, 1855 die Strecke Soest-Unna-Dortmund. 1868 wurde der Bahnhof erheblich erweitert und dafür ein Teil des Brüder-Wallburgerwalls abgetragen.1898 nahm die Ruhr-Lippe-Kleinbahn den regionalen Eisenbahnbetrieb auf. Das ermöglichte vielen Schülerinnen und Schülern aus dem umliegenden Orten bequemer als vorher die weiterführenden Schulen der Kreisstadt Soest zu besuchen.
· Schon 1864 wurde Soest an das Telegrafennetz nach Dortmund angeschlossen. Die Stadt wird also in eine Kommunikationsnetz eingebunden, das für viele ihrer Bewohner jetzt die Welt jenseits der Wälle aufschloss.
· Durch neu angesiedelte oder gegründete Betriebe, wie dem Walzwerk Gabriel und Bergenthal 1860, der Maschinenfabrik Ruthemeyer 1868, der Zuckerfabrik 1883, der Nietenfabrik Sternberg im selben Jahr, der Feldmannschen Automobil-Gesellschaft 1906, der Glühlampenfabrik Merkur 1908 und der Akkumulatorenfabrik Hagen 1910 wurde in 60 Jahren aus einer Ackerbürgerstadt eine Kommune des Industriezeitalters.
· Im selben Zeitraum entwickelte sich eine neue städtische Infrastruktur: 1857 wurde das Marienhospital gegründet, 1908 zog das städtische Krankenhaus in den Neubau am Steingraben. 1863 wurde in der Lavauengasse das Gaswerk errichtet, 1881 ging der Schlachthof am Ulrichertor in Betrieb, 1888 wurde das neue Postgebäude am Petrikirchhof eingeweiht, 1891 war die Altstadt an ein Wasserleitungsnetz angeschlossen worden, 1899 waren Kanalisation und das Klärwerk fertig und das Elektrizitätswerk wurde in Betrieb genommen.
· Es veränderte sich nicht nur das Stadtbild – das tägliche Leben, ob im Beruf oder in der Freizeit vieler Menschen wandelte sich. Neue Berufe, auch für Frauen, entstanden.
· Im Schulbereich war es ebenfalls zu weitreichenden Veränderungen gekommen – zur Ausweitung und Differenzierung des Schulwesens. 1855 gründete sich ohne Beteiligung der Stadt eine evangelische Schulgemeinde; 1869 nahm die Rekatoratsschule ihren Unterricht auf, der Vorläufer der späteren Realschule. 1874 wurde sie mit der katholischen Rektoratsschule zusammengelegt. 1879 wurde ein neues Lehrerseminargebäude vor dem Grandwegertor gebaut, seit 1928 das Gebäude des Archigymnasiums. 1891 wurde die Landwirtschaftsschule als Winterschule gegründet, 1900 wurde das Archigymnasium staatlich. 1900 wurde die Thomäschule gebaut und 1908 wurden die Volksschulen städtisch.
Auch in Soest zeigte sich also, dass – nach Thomas Nipperdey – im Laufe des 19. Jahrhunderts die Gesellschaft zur Schulgesellschaft geworden war, ja, ganz allmählich verschulte die Gesellschaft.
Emanzen
Dass die berufliche und rechtliche Besserstellung der Frau sowie Fragen der Frauenbildung und die Mädchenschulreform zu Themen der öffentlichen Debatten wurden, ging auch auf das Wirken der Frauenvereine zurück. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland etwa 850 Vereine mit rund 1 Mio. Mitglieder, die sich für die Rechte der Frauen einsetzten. Eine wichtige Rolle in der Debatte um die Mädchenbildung spielte der 1865 gegründete bürgerliche Allgemeine Deutsche Frauenverein – und in seinen Reihen die Pädagogin und Frauenrechtlerin Helene Lange. Sie wurde 1902 erste Vorsitzende des Vereins und gewann die Unterstützung der Kaiserin Auguste Viktoria. Der Verein forderte u. a. eine Verbesserung der weiterführenden Bildung für alle weiblichen Volksschulabgänger und die Reform der höheren Mädchenschule, vor allem ihre qualitative Gleichstellung mit den Jungenschulen. Auch Mädchenschulen sollten zum Abitur führen. Ebenso sollte es qualifizierten Frauen möglich sein ohne Beschränkungen alle naturwissenschaftlichen, technischen und humanistischen Bildungsstätten zu besuchen. Es war auch Helene Lange, die 1889 “Realkurse”, Angleichungskurse für Mädchen, einrichtete, aus denen 1893 Gymnasialkurse wurden. Sie ermöglichten es jungen Frauen, sich auf das Abitur vorzubereiten, das sie als Externe an einem Jungengymnasium ablegen mussten. Am 29. März 1896 legten sechs Frauen in einem geschlossenen Klassenverband das erste deutsche Frauenabitur ab. Erst danach kam es – zögerlich – zur Einrichtung von Mädchengymnasien.
Frauen konnten sich in Vorbereitungskursen für das Lehramt an höheren Schulen qualifizieren und wurden in den 90er Jahren als Gasthörerinnen an den Universitäten zugelassen. 1903 konnten sie in Preußen ihr Staatsexamen für das Lehramt ablegen, allerdings wurden erst 1909 Frauen uneingeschränkt zum Studium an preußischen Universitäten zugelassen, am frühesten – in Deutschland – 1900 in Baden.
Die Reform der Mädchenbildung wurde auch von den Mädchenschulen selbst vorangetrieben. 1872 kam es im Weimar zu einer Versammlung der Mädchenschulpädagogen – 54 der 164 zusammengekommenen Lehrkräfte waren Frauen. Der Verein für das höhere Mädchenschulwesen wurde gegründet. Auch er forderte unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Besonderheiten eine Gleichstellung der höheren Mädchenschulen in Organisation, Ausstattung und Lehrplan mit den Jungengymnasien.
Ein neuer Schulbau und die staatliche Anerkennung als Höhere Mädchenschule (1878-1898)
Die Entwicklung einer qualitativen Verbesserung der Mädchenschulbildung seit den 70er Jahren des 19. Jh. spiegelt sich auch in der Geschichte unserer Schule wider. Zunächst mussten die räumlichen Bedingungen verbessert werden. Das alte Schulhaus an der Thomästraße reichte für die wachsende Schülerzahl nicht mehr aus, deshalb errichtete die Stadt Soest am Hohen Weg ein größeres und moderneres Schulgebäude.
Dort wurde seit dem 27. September 1879 unterrichtet. Um die Qualität des Unterrichts zu erhöhen wurde eine zweite wissenschaftliche Lehrerin eingestellt. Zur innovativen Schule, wie man heute sagt, wurde unsere Schule, als am 1. Dezember 1879 Elisabeth Altmann als technische Lehrerin eingestellt wurde. Sie reformierte nicht nur den Handarbeitsunterricht an der Höheren Mädchenschule, sodass er zum vollwertigen Fach wurde. Durch ihre zahlreichen Publikationen zur Didaktik und Methodik des Faches, z.T. veröffentlicht in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift Die Technische Lehrerin, leistete sie Wesentliches zur Reform des Handarbeitsunterrichtes in ganz Deutschland. Das brachte ihr nicht nur überregionale Anerkennung ein, sondern auch eine Verehrung bis in die 60er Jahre des 20. Jh. Durch ihr Engagement als erste Vorsitzende des von ihr am 16. September 1895 mitgegründeten Vereins preußischer technischer Lehrerinnen setzte sie sich nicht nur für die Interessen ihres Faches ein. Da der Verein auch Mitglied des 1890 von Helene Lange
mitgegründeten und geleiteten Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins (ADLV) war – er war 1897 mit 10 000 Lehrerinnen aller Schulformen die größte nationale Berufsorganisation von Frauen – arbeitete sie ganz allgemein für die Interessenvertretung fortschrittlicher Lehrerinnen. Auch auf ihr Betreiben wurde 1897 durch die Einrichtung von Seminaren für Hauswirtschaftslehrerinnen die Ausbildung der technischen Lehrerinnen erweitert. Und als eine der ersten staatlich examinierten Turnlehrerinnen reformierte sie auch das Mädchenturnen an der Höheren Mädchenschule.
Weitere Reformen
Die Entwicklung unserer Schule wurde nun auch zunehmend durch Erlasse des preußischen Unterrichtsministeriums beeinflusst. Sie sollten den schulspezifischen Fächerkanon und Bildungsgang sowie die Schulstrukturen vereinheitlichen und dadurch Qualitätsmaßstäbe für die Mädchenschulen schaffen. Diese mussten erfüllt werden, wenn eine Schule staatlich anerkannt werden wollte.
So legte der mit dem Erlass vom 31. August 1894 veröffentliche Normallehrplan für die höheren Mädchenschulen in Preußen u.a. den Stellenplan für die Lehrkörper, die Zahl der Unterrichtsstunden sowie den Lehrstoff fest. Eine Anglechung an das Anforderungsniveau vergleichbarerer Jungenschulen sollte durch die stärkere Gewichtung von Mathematik und Naturwissenschaften erreicht werden.
Nachdem eine Revision durch die Schulaufsicht, sie lag noch beim Kreis, zu dem Ergebnis kam, dass die Schule den Kriterien des Erlasses entspräche, stellte die Stadt Soest an die königliche Regierung den Antrag, die städtische höhere Mädchenschule staatlich anzuerkennen. Die Anerkennung zögerte sich aber noch mehr als drei Jahre hinaus, weil der Stellenplan der Schule den Vorschriften nicht entsprach. Es fehlten zwei Planstellen für Oberlehrer. Die Stadt Soest wollte sie zunächst auch wegen der überwiegend von ihr aufzubringenden zusätzlichen Gehaltskosten nicht einrichten. Dann verhinderten Versuche der Oberbehörde, die Zusammensetzung des Schulvorstandes zu verändern, eine schnelle Lösung. Erst nachdem die Stadt eine weitere Oberlehrerstelle eingerichtet und eine direkte Eingabe an das Unterrichtsministerium gemacht hatte, wurde am 28. November 1898 die staatliche Anerkennung als höhere Mädchenschule ausgesprochen. Ihr Leiter führte nun den Titel Direktor.
Da unsere Schule nicht über eine eigene Unterstufe, sie entsprach der heutigen Primarstufe, verfügte, nach heutigen Maßstäben also eine reine Sekundarstufe I -Schule war, erwies es sich als notwendig, 1904 eine siebente Klasse, vergleichbar der heutigen 11, einzurichten. Dies geschah, um eine Überlastung der Lehrer zu vermeiden, den Stoff besser verteilen zu können und eine Anerkennung der Zeugnisse durch andere Schulen und Schultypen zu erreichen. Am 22. Juni 1906 erfolgte darauf die Anerkennung als siebenklassige höhere Mädchenschule. In dieser Organisationsform bestand die Schule bis 1924.
Der Erlass vom 16. August 1908 führte die Reform des höheren Mädchenschulwesens fort. Beabsichtigt war eine weitere Aufwertung der Frauenbildung, sodass sie der Männerbildung gleichwertig wurde, und eine Festlegung der Schulstruktur und darüber eine Regelung des Zugangs von Frauen zum Studium.
Vier Schultypen wurden festgelegt:
· das zehnjährige Lyzeum ohne Abiturabschluss,
· die sechsklassige Studienanstalt, die man nach der siebten Klasse des Lyzeums besuchen konnte; sie führte zur Hochschulreife.
· die ein- bis zweijährige Frauenschule, die nach Abschluss des Lyzeums besucht werden konnte – auch ohne Abiturabschluss
· schliesslich gab es noch Lehrerinnenseminare, Oberlyzeum genannt; auch sie ermöglichten die Aufnahme eines Studiums.
Schülerinnen unserer Schule konnten damals also noch kein Abitur machen.
Da unsere Schule aus den sieben Oberklassen einer zehnjährigen Mädchenschule bestand, entsprach sie weitgehend den Bestimmungen des Erlasses. Nachdem auch seinen Anforderungen an den Stellenplan durch die Einstellung eines weiteren Lehrers mit Universitätsexamen entsprochen wurde, erfolgte, rückwirkend für den 1.Mai 1909, am 15. Oktober 1909 die erneute staatliche Anerkennung als höhere Lehranstalt. Damit wurde es den Schülerinnen unserer Schule ermöglicht, nach dem Besuch weiterführender Bildungsanstalten ein Studium aufzunehmen. Die Aufwertung der Schule wurde auch daran sichtbar, dass sie seit dem 1. November 1909 der Schulaufsicht des Provinzial-Schulkollegiums in Münster unterstand.
Erweiterung der Schule und ein neuer Schulname (1911)
Die wachsende Zahl der Schülerinnen und die Anforderungen eines erweiterten Unterrichts führten zu akuter Raumnot, sodass 1910 eine Klasse zeitweilig sogar in einer Kneipe unterrichtet werden musste. Daher entschloss sich die Stadt Soest zum Ausbau der Schule. Baubeginn war am ersten Juli 1910. Man wollte die unterrichtsfreie Zeit in den Sommerferien ausnutzen und möglichst schnell fertig werden. Der Umbau verzögerte sich allerdings. Die Sommerferien mussten verlängert werden, und dann fiel, weil das Schulgebäude nach Wiederbeginn des Unterrichts im September nur eingeschränkt zu nutzen war, auch noch Unterricht aus. Manche Schülerin wird‘s gefreut haben.
Mitte Januar war man dann mit dem Umbau fertig. Das Kollegium hatte sich für die innere Ausschmückung der Schule engagiert. Durch Schulaufführungen brachte es genug Geld zusammen, um für 300 Mk. Bilder zu kaufen. Zusätzlich stellte es noch 600 Mk für die Anschaffung eines Harmoniums zur Verfügung.
Durch den Ausbau wurde die Einrichtung auf den neuesten Stand der Schultechnik gebracht und die Zahl der Fachräume durch einen Zeichensaal sowie einen Physik- und einen Chemieraum erhöht, was die Unterrichtsbedingungen erheblich verbesserte. Weil das Schulgebäude nun den ministeriellen Bestimmungen über das Raumangebot höherer Mädchenschulen entsprach, konnte sich die Schule nach einem Erlass vom 18. Dezember 1911 Lyzeum nennen. Sie war jetzt also einer zehnklassigen höheren Mädchenschule gleichgestellt.
Kriegsanstrengungen an der Heimatfront - das städtische Lyzeum im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918)
Der Erste Weltkrieg brachte auch nach Soest Einschränkungen, Mangel und Not, erinnert sei hier nur an den Steckrübenwinter 1916/17. Viele Soester Familien verloren Väter, Brüder oder Söhne durch den Tod in den Schützengräben im Westen oder Osten. Aber es gab keinen Bombenkrieg wie ab 1940, als die ersten Bomben auf Soest fielen. Es kam zu keinen Zerstörungen, das Alltagsleben verlief relativ “normal”, und auch der Schulbetrieb unterschied sich kaum von der der Friedenszeit.
Lehrerschaft und Schülerinnen waren eingebunden in die große nationale Solidarität, die sich konkret in den großen Spenden- und Sammelaktionen zeigte. Auch in Soest zeichneten die Erwachsenen Kriegsanleihen, sammelten Bekleidung oder schickten sogenannten Liebesgabenpakte an die Front. Soester Frauen aus allen sozialen Schichten, die im Vaterländischen Frauenverein organisiert waren, verpflegten in der Sanitätsstation auf dem Soester Bahnhof durchfahrende Truppen oder versorgten Verwundete, auch die aus Feindstaaten.
Schülerinnen des Lyzeums, angeleitet auch durch die Lehrerschaft, beteiligten sich an dem nationalen Solidaritätswerk, indem sie ebenfalls Kriegsanleihen zeichneten, Wertstoffe wie Bucheckern für die Herstellung von Öl, Altmetalle, andere Rohmaterialien und Heilkräuter für die Herstellung von Medizinen sammelten oder Bücher für die Ausstattung von Truppenbüchereien und Pakete an die Fronttruppen schickten. Ab 1917 sammelten Schülerinnen aus der Börde Gemüse und brachten es zur Soester Gemüsestelle – auch Kriegsgräber auf dem Osthofenfriedhof wurden geschmückt.
Endlich eine Vollanstalt - der Weg zum Oberlyzeum (1918 – 1930)
Ende 1918 wurde die seit 1810 gültige preußische Gesindeordnung abgeschafft. Sie hatte es Dienstherrn und -herrinnen gestattet, widerspenstige Dienstboten zu züchtigen. Es kam das Frauenwahlrecht. Am 17. Dezember 1918 luden die Soester Frauenvereine zu einer öffentlichen Frauenversammlung in den Adlersaal ein. Frau Dr. Fischer- Eckert aus Hagen hielt einen Vortag mit dem Thema Die Pflichten der Frau als Bürgerin im neuen Deutschland. Frauen aus Soest wollten ihre Pflichten und Rechte kennen lernen, um sich politisch engagieren zu können. Am 23. Februar 1919 wurden Frauen zum ersten Mal in die Soester Stadtverordnetenversammlung gewählt. Es kamen dann – natürlich auch nach Soest – der Bubikopf, kniekurze Kleider und freie Rücken, der Jazz, der Charleston, das Kino. Und Frauen rauchten in der Öffentlichkeit.
Dass sich die Situation der Frau in Deutschland mit den Entscheidungen von 1918 nicht nur im politischen Bereich verändert hatte, dass mehr Frauen als früher begannen, auch ohne Begleitung oder Anleitung von Männern eine eigenständige Rolle in der Öffentlichkeit zu spielen, war nicht nur Folge des langfristigen Kultur-, Mentalitäts- und Wertewandels seit etwa 1800.
Der Ausbruch aus dem Ghetto des fraulichen Aufgabenbereichs Kinder, Küche, Kirche, die Aufweichnung der Rolle des Nur-Gattin-Mutter-Hausfrau-Seins ergab sich auch aus der durch die Anforderungen des Ersten Weltkriegs mit bewirkten millionenfach gesteigerten Berufstätigkeit von Frauen – und das nicht nur als einfache Rüstungsarbeiterin. Waren Vater oder Mann weit weg von Zuhause an der Front – und das manchmal für lange Zeit –, mussten die Frauen sich und ihre Familie nun auch nach außen in der Öffentlichkeit vertreten und trugen als Alleinerziehende große Verantwortung für die Kinder, was auch die innerfamiliäre Autorität steigerte. Dadurch wuchs das Selbstbewusstsein vieler Frauen. Aber auch viele Männer anerkannten, dass noch bestehende Benachteiligungen aufzulösen waren, und setzten diese Vorstellung auch politisch um.
Ein Schritt der Gleichstellung im Bildungsbereich erfolgte durch die Richtlinien des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 21. März 1923. Sie stellten die Mädchen- und Jungenbildung gleich. Auch die geschlechtsspezifisch festgelegten Quoten für die Lehrkörper wurden aufgehoben.
Wichtig für die Geschichte unserer Schule war die Neugliederung des Schulwesens. Alle Kinder mussten zunächst die organisatorisch selbstständige, nun vierklassige Grundschule besuchen. Mit einem Qualifikationsvermerk konnten sie nach der vierten Klasse höhere Schulen besuchen. Die Klassenbezeichnungen der höheren Mädchenschulen waren identisch mit denen der Jungenschulen. Wenn sie eine Oberstufe hatten – Sexta bis Oberprima. Bedarf zur Neuordnung unserer Schule bestand deshalb, weil einmal die 1908 festgeschriebene zehnjährige Schulzeit an Mädchenschulen um ein Jahr verkürzt, und damit dem neunjährigen Lehrgang am Jungengymnasium gleichgestellt wurde. Der Abschluss am Lyzeum wurde auch dadurch abgewertet, dass am Ende der Untersekunda (Klasse 10) kein Schlusszeugnis mehr ausgestellt wurde. Das Zeugnis erhielt nur noch den Vermerk Reife für Obersekunda. An unserer Schule konnten Schülerinnen also weiterhin keine Abiturprüfung ablegen (wie auch an keiner anderen Schule in Soest). Hatten sie das vor, mussten sie auf die Oberlyzeen der Nachbarstädte, Hamm, Werl oder Lippstadt, überwechseln. Die Unzufriedenheit von Schülerinnen und Eltern damit sowie generelle Forderungen nach einer qualitativ besseren Mädchenbildung veranlassten Schulleitung und Kollegium dazu, mit Unterstützung der Elternschaft den Ausbau der Schule zur Vollanstalt voranzutreiben.
Eine schnelle Realisierung dieses Vorhabens scheiterte zunächst am Widerstand der Stadtverordnetenversammlung, die die hohen Kosten der Einrichtung eines Oberlyzeums abschreckte. Um die Öffentlichkeit über das Problem zu informieren und über die Mobilisierung der Soester Bürgerschaft Druck auf die Politiker auszuüben, veranstaltete das Lyzeum seit Oktober 1925 eine Vortragsreihe über Mädchenbildung, die, auch durch die Berichterstattung der Presse, ein reges Echo auslöste. So berichtete der Soester Anzeiger am 18. Juni 1926 über eine Kundgebung des Hausfrauenbundes und des Elternbeirates des Lyzeums im Blauen Saal. Oberstudienrätin Elisabeth Lange aus Bielefeld hielt vor über 500 Zuhörern einen Vortrag zum Thema: Ausbildung unserer Töchter. In einer dichten Argumentationskette arbeitete sie die Notwendigkeit einer vertieften Mädchenbildung heraus. Eine ihrer zentralen Forderungen, die das neue Rollenverständnis der Frauen verdeutlicht, lautete: Die Frau braucht sie (die Mädchenbildung) als Glied unseres Wirtschaftslebens, als dienendes Glied im öffentlichen Leben und als Trägerin der Familie. Eine lebhafte Diskussion, in der auch Frauen wichtige Beiträge lieferten, schloss sich dem Vortrag an. Die Versammelten verfassten eine Resolution, in der sie die städtischen Körperschaften aufforderten, baldmöglichst das Lyzeum zum Oberlyzeum oder zur Frauenschule auszubauen. Nachdem die Eltern sich bereit erklärt hatten, durch ein erhöhtes Schulgeld einen Teil der aufzubringenden Kosten mitzutragen, beschloss die Stadtverordnetenversammlung am 27. November 1926 den Ausbau des Lyzeums, das ab Ostern 1927 Vollanstalt war. Die Schule nannte sich nun Oberlyzeum reformgymnasialer Richtung.
Das erweiterte Bildungsangebot erhöhte die Attraktivität der Schule, die Zahl der Schülerinnen stieg. 1930 wurden 307 Schülerinnen in 11 Klassen von 16 hauptamtlichen Lehrkräften unterrichtet.
3. Politisierung - Chaos - Normalität
Die Schule von 1933 bis 1945
Puddingabitur im zwangsverkauften Haus der Schwestern der christlichen Liebe (1933 bis 1939)
Wie stellt man sich die Geschichte einer Schule in den Jahren von 1933 bis 1945 vor? Sicher zumeist als einen ständigen Ausnahmezustand – ganz abgesehen von allen politisch-moralischen Aspekten. Aber, was unsere Schule angeht, ist selbst in der zweiten Kriegsphase, ab 1942 also, im Wesentlichen Schulalltag festzustellen und viel Normalität. Gewöhnliche Sachzwänge wie Schülerabwanderungen oder Raumprobleme am Hohen Weg veranlassten Schulleitung und Kollegium nach praktischen Lösungen zu suchen. Aber natürlich wirkte sich der Nationalsozialismus – seine Ideologie, sein Frauenbild, seine Pädagogik – auch als Politisierung des Schullebens aus.
Noch 1932 war dem Oberlyzeum wegen seiner fachlichen und erzieherischen Leistungen auf Betreiben des Schulkollegiums in Münster ein Anstaltsseminar, also eine Ausbildungseinrichtung für Lehrer, angegliedert worden. 1935 wurde aus dem Oberlyzeum ein Lyzeum mit dreijähriger Frauenschule. Die Oberstufe bekam dadurch ein neues Profil. Schwerpunktfächer wurden nun die sogenannten Fächer des Frauenschaffens, also Hauswirtschaft, Handarbeit, Pflege, Beschäftigungslehre und Dienst, wodurch der Bildungsgang wieder eine geschlechtsspezifische Ausrichtung bekam. Dies – mit der 1937 für die höheren Schulen um ein Jahr verkürzten Schulzeit – führte zur Reduzierung des Unterrichts in den sogenannten wissenschaftlichen Fächern, in den Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Der naturwissenschaftliche Schwerpunkt für die Oberstufe von Mädchenschulen wurde abgeschafft. Paul Ferchland, bis 1945 Direktor der Schule, gibt für die erneute Reform zunächst praktische Gründe an. Die Schülerzahlen gingen zurück. Eltern hätten die Schule für zu schwer gehalten. Abschreckend habe sich auch das wegen der wissenschaftlichen Ausrichtung der Schule erhöhte Oberstufenschulgeld ausgewirkt. Zudem habe die Konkurrenz der Frauenschulen in den Nachbarstädten Soester Schülerinnen dorthin gezogen und zum Ausbleiben auswärtiger Schülerinnen geführt. Die Reform sollte also die Attraktivität der Schule erhöhen und den Abwärtstrend der Schülerzahlen stoppen, was nicht unwichtig war, weil die Schulen sich z.T. aus dem Schulgeld finanzierten.
Die Einführung des neuen Profils scheint aber auch von Vorstellungen der NS-Pädagogik beeinflusst worden zu sein. Zum einen waren es – die öffentlichen Diskussionen 1925/26 zeigen es – traditionelle und breit akzeptierte Vorstellungen über Rolle und Aufgabe der Frau in der Gesellschaft. Andererseits war es die NS-Ideologie mit ihrer klaren Vorstellungen über die Funktion der Frau als Mutter und Wahrerin der Rasse, mit der die Veränderungen des fachlichen Schwerpunktes legitimiert werden konnten.
1937 wurde die Schule zur Oberschule für Mädchen hauswirtschaftlicher Form mit einem sprachlichen und hauswirtschaftlichen Zweig in der Oberstufe. Im selben Jahr wurde das letzte “wissenschaftliche” Abitur abgelegt.
1938 waren die Schülerzahlen auf einem Tiefpunkt, auch weil viele Eltern sich nicht mit dem Puddingabitur, das viele Berufswege für Mädchen verschloss, anfreunden konnten. Die Schülerzahlen stiegen in den folgenden Jahren allmählich wieder an, vor allem auch deshalb, weil die Schülerinnen des katholischen Hildegardlyzeums auf die öffentliche, städtische Oberschule wechseln mussten.
Eine katholische höhere Mädchenschule hatte es seit 1867 in Soest gegeben. Sie war im Zusammenhang mit dem Kulturkampf 1873 geschlossen und 1895 als Höhere Mädchenschule St. Hildegard wieder eröffnet worden. Da deren Gesamtschülerzahl recht hoch war – von 1923 bis 1927 besuchten mehr als 200 Schülerinnen jährlich die Schule, sie wurden von zehn hauptamtlichen Lehrkräften unterrichtet – entschloss sich die Kongregation der Schwestern der christlichen Liebe als Schulträger zu einem Neubau am Paradieser Weg, der von 1927 bis 1928 ausgeführt wurde, sodass der Schulbetrieb Ostern 1928 dort aufgenommen werden konnte. Der Neubau war ein großzügiges und modernes Gebäude mit verschiedenen Fachräumen für die Fächer des Frauenschaffens.
Als im Zuge der Machtkonsolidierung auch im Schulwesen die Nationalsozialisten die Privatschulen schlossen, war auch das Schicksal des Hildegardlyzeums besiegelt. Zunächst wurde die Schülerzahl durch Zwangsmaßnahmen abgesenkt. Beamten und Angestellte des öffentlichen Dienstes – eine besonders bildungsbeflissene Gruppe – durften ihre Töchter nun auch nicht mehr auf diese Privatschule schicken. Dem Hildegardlyzeum wurde verboten, neue Sextanerinnen aufzunehmen. Das Schulgeldaufkommen ging zurück, sodass der Schule die Existenzgrundlage entzogen war. In dieser Zwangslage mussten die Schwestern die Schule am Paradieser Weg, Grundstück, Gebäude und Einrichtung, für 375.000 Mk weit unter Wert verkaufen. (Eine Rückgabeforderung wurde von der Stadt Soest 1950 abgewiesen. Ein abschließender Vergleich mit der Schwesternkongregation verpflichtete die Stadt zu Ausgleichszahlungen.)
Nach einem Umbau konnte die Oberschule für Mädchen am 24. April 1939 im Gebäude am Paradieser Weg mit dem Unterricht beginnen.
Durch den Umzug in das moderne Schulgebäude löste sich ein weiteres gravierendes Problem, der Raummangel. Durch die Umstrukturierung war der Bedarf an Fachräumen für den frauenfachlichen Unterricht gestiegen. Ein weiterer Umbau des Schulgebäudes am Hohen Weg war nicht möglich – ein Neubau nicht zu finanzieren. Der Fachunterricht musste deshalb in anderen Schulen und Einrichtungen erteilt werden. Die Hauswirtschaft in der neuen Patroklischule (später Hans-Schemm-Schule), der Werkunterricht in der Taubstummenanstalt, die Kinderbetreuung und -pflege als sozialer Arbeitsdienst im St. Thomä-Kindergarten, im evangelischen Versorgungshaus und im städtischen Krankenhaus. Durch den Umzug in das neue Schulgebäude wurden die mit dem Provisorium verbundenen organisatorischen Probleme gelöst und die alten Unbequemlichkeiten für Schüler und Lehrkräfte fanden ein Ende. Es wurde leichter, besseren Unterricht zu halten.
Die Zahl der Schülerinnen stieg. 1940/41 waren es bereits wieder 285. 1944/45 691. Dieser rapide Anstieg erklärt sich sowohl durch die Schließung der letzten Privatschulen, so der Schulen der Ursulinen in Werl 1942, und vor allem durch die Evakuierung von Kindern und Jugendlichen aus den bombengefährdeten Großstädten des Ruhrgebiets nach Soest.
Eine normale Schule in der Nazizeit
Bestimmten die NS-Ideologie und NS-Rituale nun den Schulalltag und den Geist der Schule? Ja und nein.
Vor allem in den späten Kriegsjahren wurden den Schülerinnen von besonders linientreuen Lehrerinnen und Lehrern der deutsche Gruß abgenötigt. In einem Fall protestierte eine Gruppe von Schülerinnen dagegen, indem sie in Reihe hintereinander, mit Abstand und grinsend, an der Lehrerin vorbeimarschierten und sie dadurch zwangen, den Arm sehr lange erhoben zu halten. Eine Geschichtslehrerin vermittelte im Geschichtsunterricht das nationalsozialistische Geschichtsbild und ließ die Klassen zu Beginn des Unterrichts stramm stehen und Nazilieder singen. Eine andere, Fräulein Frahne, Tochter von Pastor Frahne, ließ die Schülerinnen zu Beginn ihres Geschichtsunterrichts religiöse Lieder singen, meist Großer Gott wir loben dich, weil das Lied sowohl den evangelischen wie den katholischen Schülerinnen bekannt war. In den Geographiebüchern wurden die geopolitischen Vorstellungen des Nationalsozialismus dargestellt. Der Erdkundelehrer Dr. Wissemann hielt zum kritischen Lesen der Bücher an. Weil durch die Verkürzung der Schulzeit der Fremdsprachenunterricht reduziert werden musste, bot Frau Dr. Wolke freiwillige nachmittägliche Sprachenarbeitsgemeinschaften an. Eine weltanschauliche Schulung im Lager Altastenberg wurde durch ein von einer Schülerin getragenes nachmittägliches Shakespeare-Programm im Wald ergänzt. Als Abituraufgaben wurden im Fach Deutsch typische Nazithemen gestellt. Es gab aber auch andere, traditionelle.
Diese wenigen Beispiele zeigen, dass es neben Linientreue auch den stillen Protest durch Widersetzlichkeit gab. Und natürlich gab es die Normalität des Schulalltags, des Verhaltens der Lehrkräfte wie der Schülerinnen. Es gab gute, mittelmäßige und schlechte Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen. Liest man Erinnerungen von Schülerinnen aus den Jahren 1939 bis 1945, so hat man manchmal den Eindruck, dass einige der Lehrerinnen und Lehrer – wegen ihrer Kauzigkeit und Originalität – direkt dem Film Die Feuerzangenbowle entsprungen sein könnten.
Und das Schülerinnenverhalten? Ebenfalls normal – selbst in Kriegszeiten. Auch nach einer langen Kleinbahnfahrt von Soest auf die Haar und nach der Erledigung häuslicher Pflichten wurde intensiv gelernt. Aber die jungen Damen hatten auch andere Interessen, und das kommt zumeist erst im Nachhinein, in sentimentalen Erinnerungen bei Widersehensfeiern heraus...
Obwohl natürlich streng verboten, wurde von Schülerinnen im Dachgeschoss – in der früheren Klausur der Nonnen – geraucht. Die Raucherinnen, von Mitschülern zunächst eingesperrt, hatten Mühe, pünktlich zum Unterricht ihren Klassenraum zu erreichen. Die Schule wurde auch geschwänzt. Man nützte dabei den Umstand aus, dass durch Bombenangriffe oder Tiefflieger-Beschuss Züge ausfielen oder zu spät kamen. Flog das Schwänzen auf, wurden die Schülerinnen von der Schulleitung zur Rechenschaft gezogen. Während der Tanzstundenzeit – in Untertertia – waren Jungen wichtiger als Unterricht. Und auch im Krieg setzten sich einige junge Damen mittags in die Eisdiele am Markt – später geben sie zu, sich dort nicht “comme il faut” benommen zu haben. Mädchen!
Erst Beeinträchtigung - dann Chaos (1939 bis 1945)
Die andere Facette der Kriegsjahre waren die mannigfachen Beeinträchtigungen von Schulalltag und Schulroutine, die der Zweite Weltkrieg mit zunehmender Dauer mit sich brachte – und schließlich das Chaos 1945 mit dem Ende des Schulbetriebs im März.
Beeinträchtigungen gab es infolge der zeitweiligen, phasenweisen Nutzung des Schulgebäudes durch die Wehrmacht. Ab dem 10. September 1939 zog die Schule insgesamt siebenmal aus dem Gebäude am Paradieser Weg ein und aus. Meist ging es ins Archigymnasium, wo der Unterricht in Wechselschicht erteilt wurde. Das brachte neben Belastungen, vor allem für die Fahrschülerinnen, auch den Vorteil mit sich, dass man mittels der in den Bänken eingelassenen Tintenfässer den nachfolgenden Jungenklassen Nachrichten zuschicken konnte. Das wurde entdeckt – und von den Lehrern geahndet.
Wegen der immer dauerhafteren Gefährdung durch Luftangriffe und nach den großen Zerstörungen durch den massiven Bombenangriff am 5. Dezember 1944, als etwa 1000 Häuser in Soest zerstört und 220 Menschen getötet wurden und die Stadt vier Tage lang brannte, konnten der Unterricht seit Frühjahr 1945 nur noch gruppenweise und verteilt auf verschiedene Räumlichkeiten abgehalten werden, u. a. die Jugendherberge in Völlinghausen, das Pfarrhaus von Osttönnen, eine Scheune in Deiringsen und eine Wohnung in der Pagenstraße. Er endete dann kurz vor der Einschließung der Stadt durch die Amerikaner am 4. April 1945. Am 31. März waren die Schülerinnen der Abschlussklassen mit einem Notabitur entlassen worden.
Beeinträchtigt wurde der Schulunterricht auch dadurch, dass Klassen zusammengelegt werden mussten, da sich das Kollegium durch die Einberufung von Lehrern zur Wehrmacht verkleinert hatte. Bei Tagangriffen unterbrach die Flucht in die Keller den schulischen Ablauf. Nach Nachtangriffen trafen die Schülerinnen übermüdet zur ersten Stunde ein.
Schwer hatten es die Fahrschülerinnen. Wegen der Energieknappheit waren die Zügen, mit denen sie zur Schule kommen mussten, unbeleuchtet und ungeheizt, oder sie kamen mit Verspätung, weil Bahnanlagen oder Züge zerstört worden waren. Immer mehr wurde ihr Leben durch Tieffliegerangriffe gefährdetet.
Neben der Schule hatten die älteren Schülerinnen Ernteeinsätze auf Bauernhöfen oder Akkordarbeit in Soester Fabriken, z. B. in der Glühlampenfabrik Merkur, – oft über mehrere Wochen – zu leisten. Nach der Zerstörung der Möhnetalsperre am 17. Mai 1943 wurden die älteren Schülerinnen zu Aufräum- und Bergungsarbeiten nach Niederense geschickt, wo sie aus schlammbedeckten Häusern Brauchbares wie Werkzeuge oder Geschirr herausholen und säubern mussten. Und dann war ja auch immer noch für die Schule zu lernen!
Bei der Beschießung von Soest durch die US-Army ab dem 4. April ‘45 wurden das Dachgeschoss, die Aula und die Nordseite der Schule getroffen und durch Granaten beschädigt. Nach der Einnahme von Soest durch die Amerikaner am 6. April wurde die Schule von 1500 freigelassenen italienischen Kriegsgefangenen geplündert und zerstört.
4. Von der Mangelschule zum Mädchenparadies
Die Schule in der Wiederaufbauphase (1946 bis Ende der 60er Jahre)
Schule in der Zusammenbruchsgesellschaft (1946-1951)
Die “Stunde 0” unserer Schule zog sich hin. Erst am 26. Februar 1946 wurde mit Genehmigung der Behörden der Besatzungsmacht wieder Unterricht an der Oberschule für Mädchen – neusprachlicher Form erteilt. In der Zwischenzeit hatten Schülerinnen und einige Lehrkräfte in der Landwirtschaft oder auf städtischen Ämtern gearbeitet. Einige der älteren Schülerinnen hatten auch eine Lehre angefangen.
546 Schülerinnen besuchten jetzt die Schule – eine im Vergleich mit der Vorkriegszeit ungeheure Zunahme.
Es waren z. T. die Töchter von Ausgebombten oder aus dem Ruhrgebiet Evakuierten, die noch nicht in ihre Heimatstädte zurückkehren konnten, und die Töchter von Flüchtlingen oder Vertriebenen, die diesen starken Anstieg der Schülerzahlen bewirkten. Ostern 1946 waren 14,4% der Schülerinnen Flüchtlings- oder Vertriebenenkinder. Genau die Hälfte der Schülerinnen kamen nicht aus Soest. Aber die Stadt war ja 1946 auch, innerhalb weniger Wochen, durch den Zuzug oder die Zuweisung von Flüchtlingen oder Vertriebenen um mehr als 5000 Einwohner gewachsen! Das größte Kontingent davon stellten die Schlesier.
Der allgemeine Mangel, die Not der unmittelbaren Nachkriegszeit prägten auch das Schulleben.
Es fehlten Fach- und Unterrichtsräume – und nicht nur wegen der vielen Schülerinnen oder der Beschädigungen durch den Artilleriebeschuss von Anfang April ‘45. Fach- und Klassenräume mussten auch von städtischen Beamten, Lehrerinnen und später auch von einigen wenigen Schülerinnen als Wohnräume benutzt werden. Die Patrokligemeinde hielt in Aula und Turnhalle ihre Gottesdienste und Andachten ab – der Dom lag ja in Trümmern.
Die Räume konnten teilweise nicht oder nur ungenügend beheizt werden, sodass in der kalten Jahreszeit auch schon mal ein Toaster ein wenig Wärme spenden musste. Das Essen war knapp – Schulspeisungen, oft Erbsen- oder Schokoladensuppen, halfen den Hunger zu stillen. Es herrschte Mangel an Schreibpapier und Schreibzeug. Schulbücher gab es kaum. Die meisten Unterrichtswerke waren wegen ihres nazistischen Inhalts verboten.
Zeichenunterricht – nennen wir ihn Kunst – wurde nicht erteilt. Für alle Klassen gab es nur 12 Stunden Musikunterricht. Und auch der übrige Fachunterricht musste verkürzt werden – auch deshalb, weil einige Lehrerinnen und Lehrer wegen laufender Entnazifizierungsverfahren nicht mehr – oder noch nicht zur Verfügung standen.
Von besonderer Bedeutung war der Neuanfang für die älteren Schülerinnen, die gegen Ende des Krieges mit einem Notabitur entlassen worden waren. Für sie begann nun ein Förderkurs, der sie in neun Monaten zum Vollabitur führen sollte. Sie, die z.T. eine Lehre begonnen hatten oder durch die Ableistung des Arbeitsdienstes in den Wirren der letzten beiden Kriegsjahre in weit entfernte Gebiete Deutschlands verschlagen worden waren, mussten jetzt im stark zerstörten Soest auf die Schulbank zurückkehren – für manche ein nicht einfacher Rollentausch. Ende Oktober ‘46 bestanden sie mit Erfolg das erste Nachkriegsabitur.
Bis die Schule völlig wiederhergestellt war, vergingen noch weitere fünf Jahre. Ab Ostern 1951 wurden 557 Schülerinnen, verteilt auf 17 Klassen, von 25 haupt- und drei nebenamtlichen Lehrkräften unterrichtet.
Kein Stillstand – es boomt! (Von den 50ern bis zum Ende der 60er Jahre)
Nach dem Krieg wurde Soest größer. Die Bevölkerungszahl wuchs. Allein durch die Eingemeindung von 18 Umlandgemeinden durch die kommunale Gebietsreform 1969 stieg die Zahl der Einwohner von gut 35 auf über 40 Tausend. Das Stadtbild veränderte sich. Neue Siedlungen, vor allem im Süden und Westen der Stadt, entstanden. Die größte davon war die im Südosten der Stadt errichtete Schlesiersiedlung mit 624 Wohnungen für 1600 Menschen – 1951 in nur wenigen Monaten gebaut. Die Stadt dehnt sich seitdem weit in die ehemalige Feldflur aus. Neue Betriebe siedelten sich an. Der Kleinbahnverkehr wurde eingestellt und durch Buslinien ersetzt. Schließlich kam 1972 die Autobahn.
Auch das Mädchengymnasium am Paradieser Weg wurde größer. Es hatte den Babyboom der Nachkriegszeit zu “verkraften” und versuchte dies durch Um - und Ausbau zu erreichen. 1958 kam ein Neubau mit sechs Klassenräumen und einem kleinen Bibliotheksraum hinzu und der Sportplatz hinter dem Schulgebäude wurde ausgebaut. Ende 1968 richtete man im Altbau einen Musikraum sowie zwei Handarbeitsräume neu ein. Neue Klassenräume für die Oberstufe entstanden im ausgebauten Dachgeschoss. Zwei weitere Klassenräume gewann man durch den Aufbau eines hinter dem Hauptgebäude liegenden Pavillons. Seit Januar 1969 konnte die neuerrichtete große Turn- und Gymnastikhalle benutzt werden. 1967 hatte man die alte Aula und die Turnhalle abgebrochen. Seit dem 4. Dezember 1969 standen die in einem neuerrichteten Trakt eingerichteten Fachräume für Naturwissenschaften, Kunsterziehung, Hauswirtschaft sowie eine Fotolabor zur Verfügung. 1970 stellte sich dann heraus, dass durch Um- oder Ausbau kein weiterer Platz mehr zu schaffen war – das weiter wachsende Gymnasium benötigte ein neues Schulgebäude! Der Neubau eines Schulzentrums am Paradieser Weg 92 wurde beschlossen.
Der Ausbau der Schule seit den 50ern sollte auch die räumlichen Voraussetzungen für einen guten Unterricht schaffen. Vor allem die Bedingungen für die Hauswirtschaft, die sog. Nadelarbeiten, für den Musik-, Kunst-, Sport- und Gymnastikunterricht sollten verbessert werden. Diese Fächer waren wegen der bestehenden Frauenschulklassen von Klasse 8 bis 11 von großer Bedeutung für die Schule. 1969 wurde der Frauenschulzweig auf die gesamte Oberstufe ausgeweitet, die deshalb nun vierzügig wurde. Neben der allgemeinen Hochschulreife konnten die Schülerinnen nun auch eine fachgebundene Hochschulreife erwerben. Diese doppelte Qualifizierungsmöglichkeit schlug sich auch im Schulnamen nieder. Er war der längste in der hundertfünfundzwanzigjährigen Geschichte der Schule und lautete Städtisches neusprachliches Mädchen-Gymnasium und Gymnasium für Frauenbildung zur Erlangung einer fachgebundenen Hochschulreife. Beklagt sich da etwa noch jemand über den Namen Conrad-von-Soest-Gymnasium? Vor allem Haupt- und Realschülerinnen nutzten durch Überwechseln auf das Mädchen-Gymnasium die Chancen der doppelten Qualifizierungsmöglichkeit.
Und daneben natürlich immer Schulalltag, Unterricht, Wandertage und Reisen. Seit dem Mauerbau fuhren Abschlussklassen vermehrt durch die Zone nach West-Berlin. Man besuchte auch Ost-Berlin und die Ost-Berliner und nahm auch Kontakt zu Vertretern des Zonenregimes auf. Es gab Sportfeste und Schulfeste – ein großes, 1959, wurde von einer Lokalzeitung im Mädchenparadies angesiedelt.
Die Schülerinnen wurden nicht nur unterrichtet, sondern auch intensiv erzogen. Z. B. wünschten Eltern Anfang der 60er Jahre, dass die Schule die Schülerinnen in Kleidung und Frisur zur Einfachheit anhalten sollte. Gab es damals schon „Markenklamotten“? Für die Schülerbücherei sollten gute Bücher angeschafft werden, Schmutz und Schund war zu bekämpfen.
Unterprimanerinnen, die 1968 auf den Soester Wällen zunächst mutterseelenallein an einem Eishörnchen schleckten, wurden von ihrer zufällig dort vorbeikommenden Direktorin auf ihr undamenhaftes Verhalten hingewiesen. Wenn junge Damen Eis essen wollten, hätten sie ins Café zu gehen und Eis zu löffeln. Sie hätten der Öffentlichkeit nicht ihre Zungen zu zeigen.
Und wie immer und in allen Schulen wurde auch im “Mädchenparadies” gelernt und gelitten. Schülerinnen litten an ihren Lehrerinnen und Lehrern. (Der Philosoph Adorno hat mal zugespitzt formuliert, in jedem Lehrer – und jeder Lehrerin – erscheine auch immer ein wenig die Gestalt des Henkers.) Und natürlich litten die Lehrerinnen und Lehrer auch an ihren Schülerinnen – die einen mehr, die anderen weniger. Und Lehrerinnen und Lehrer litten auch aneinander...
5. The Wind of Changing
Vom Ende des Mädchengymnasiums zu den Anfangsjahren des Conrad-von-Soest-Gymnasiums
Die Bildungsreform seit den später 60er Jahren ganz allgemein – und an unserer Schule
Die Bundesrepublik im Wandel Die Enttypisierung der Gymnasien und Oberschulen sowie die Einführung der reformierten gymnasialen Oberstufe 1972 haben auch unsere Schule “revolutioniert”. Auch diese Reform des Schulwesens war wie jede seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts Spiegel aber auch gestaltende Kraft eines nationalen Wandlungsprozesses; diesmal war sie Teil eines internationalen, westlichen Modernisierungsschubs zur Entfaltung der postindustriellen Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft.
Die durch eine Reihe von inneren Reformen von der Großen Koalition seit September 1966, und vor allem von der sozialliberalen Koalition seit dem 28. September 1969 vorangetriebene Liberalisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik, manche sagen auch Verwestlichung, ging auf eine Anzahl politischer, ökonomischer, sozialer, kultureller und mentaler Entwicklungen seit den späten 50ern zurück.
Mit dem Ende der Wiederaufbauphase und der aus heutiger Sicht leichten Rezession 1965/66, mit 100.000 Arbeitslosen, wurde der Glaube an die Permanenz des Wirtschaftswunders und an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft erschüttert.
Der Beginn der Entspannungspolitik nahm den Druck und löste manche Konformitätszwänge auf, denen die bundesrepublikanische Gesellschaft durch den Ost-West-Konflikt und mit der Zonengrenze oder der Staatsgrenze West – mal eben kurz hinter Kassel – unterworfen war.
Die zunächst aus England und den USA importierte Pop-Kultur entwickelte sich zu einer Massen-Jugendkultur, die sich in Mode, Rock- und Haarlänge, in Musik, Lebensstil und Lebensgefühl gegen die Welt der Erwachsenen richtete. Aus ihr entwickelte sich dann die Protest- und Alternativkultur.
Ansichten, Geschmack und Mentalitäten wurden geprägt durch die Medien, die jetzt wirklich zu Massenmedien wurden. Radiosender wie AFN, BFN und Radio Luxemburg, als Adept, beeinflussten die Musiktrends, Fernsehmagazine wie Panorama das politische Bewusstsein. Linksliberale Publikationen wie Der Spiegel, Die Zeit, der Stern, später auch Pardon oder Konkret stellten einen einflussreichen und wesentlichen Teil einer überregionalen kritischen Öffentlichkeit dar, die dann in den Kampagnen gegen die Notstandsgesetze der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und dem Studentenprotest zu politischen Bewegungen wurden. Und Bravo war nicht nur für den Starschnitt da, sondern auch Aufklärungspostille.
Das Auto machte die Gesellschaft mobil. Dazu kam eine technizistisch geprägte Reformeuphorie, die an die rationale Planbarkeit von Wirtschaft und sozialen Prozessen glaubte. Die konzertierte Aktion der Minister Strauß und Schiller war ein Versuch, mit interventionsstaatlichen Mitteln die Volkswirtschaft zu steuern. Atomkraftwerke, vor allem der Schnelle Brüter, sollten das Energieproblem endgültig beseitigen. Die Mobilität, die Autogesellschaft wurden durch Forcieren des Autobahnbaus gefördert.
Die Innenstädte wurden modernisiert. Funktionale Betonbauten galten als schön. Der Soester Innenstadt wurde der Kaufhof-Komplex (später Kerber) und der Sparkassenbau beschert.
Manche Historiker nennen das alles, sicher etwas hochtrabend, “die zweite Gründung der Bundesrepublik”.
Die Bildungsreform Hauptsächlich zwei Positionen bestimmten seit Mitte der 60er Jahre die bildungsreformerische Diskussion, die auch die Einführung der reformierten Oberstufe vorbereitete und mitgestaltete.
Die Schule als Institution sollte – wie die Gesellschaft – demokratischer werden. Das Schulwesen sollte so umgestaltet werden, dass allen gesellschaftlichen Schichten, vor allem den bis dahin bildungsfernen, der Erwerb höherer Bildungsabschlüsse ermöglicht oder erleichtert wurde. So sollte aus der nur formalen Chancengleichheit, wie sie sich aus dem Grundrecht auf Bildung ergibt, durch eine aktive Bildungspolitik eine faktische Chancengleichheit werden. Auch sollten Schüler und Eltern in der Schule mehr Gestaltungs- und Mitwirkunsgmöglichkeiten bekommen.
Eine andere Position entwickelte sich aus dem sogenannten Sputnikschock des Jahres 1957. Befürchtungen, durch die Rückständigkeit des Bildungswesens, besonders im Bereich der höheren Schulen, messbar an den im internationalen Vergleich geringen Abiturientenzahlen, könne die Wirtschaft der Bundesrepublik sowohl im Systemkonflikt mit der Sowjetunion, deren Bildungssystem man damals sehr hoch einschätzte, wie auch
in Konkurrenz mit der westlichen Führungsmacht USA ins Hintertreffen geraten, waren das Hauptargument dafür, Bildungsreform vor allem als Steigerung des Outputs an Abiturientenzahlen zu verstehen und alle noch brachliegenden Begabtenreserven, worunter man vor allem das katholische Mädchen vom Lande verstand, auszuschöpfen. Großen Einfluss auf die Debatte hatte Georg Pichts Artikelserie in der Zeitschrift Christ und Welt, die im Februar 1964 veröffentlicht wurde. Beispielhaft für den Zeitgeist schwankt Pichts Analyse zwischen Menetekel und euphorischer Überschätzung der Gestaltungskraft von Politik. Wegen ihrer Wichtigkeit sollen einige Sätze Pichts – ausnahmsweise – zitiert werden.
Jedes Volk hat das Bildungswesen, das es verdient. Noch ist es möglich, zu verhindern, dass die Bildungskatastrophe in ihrer vollen Gewalt über uns hereinbricht. Deutschland kann als Kulturstaat noch erhalten bleiben. Dazu bedarf es aber einer entscheidenden Wendung. Das Volk muss bereit sein, die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte durch finanzielle Opfer zu bezahlen. Die Regierungen und Parlamente aber müssen jetzt handeln. Tun sie es nicht, so steht schon heute fest, wer für den dritten großen Zusammenbruch der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert verantwortlich ist.
(Georg Picht: Die Deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation. Olten u.a. 1964, S. 87)
Druck machten auch die Universitäten, die eine bessere Ausbildung für die vielen Studienrichtungen forderten, die im traditionellen Fächerkanon der Schulen nicht vorhanden waren. Für eine Neubestimmung des Fächerangebots in der Oberstufe schien auch zu sprechen, dass es Schule angesichts der Differenzierung von Wissenschaften und Gesellschaft nicht mehr möglich erschien, so etwas wie Allgemeinbildung zu vermitteln.
Die praktische Seite der Reform bestand darin, dass seit Anfang der 70er Jahre die finanziellen Aufwendungen für den Bildungsbereich stark anstiegen. Es wurden neue Schulen gebaut, viele neue Lehrerinnen und Lehrer eingestellt und die Einrichtung der Schulen verbessert, z. B. durch Sprachlabors – die dann allerdings wenig benutzt wurden. In manchen Ländern, so in NRW, wurden neue Schulformen, etwa die Gesamtschule, die man als den geeigneten Schultyp für die komplette Umsetzung sowohl der fachlichen wie der sozialen und politischen Ziele der Reform ansah, massiv gefördert.
Angestoßen durch den Strukturplan des Deutschen Bildungsrates 1970 wurde dann durch die Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz von 1972 die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe beschlossen. Die Fächerwahl nach Aufgabenfeldern wurde eingeführt. Daraus ergab sich das Kurssystem. Der Unterricht wurde in Halbjahreskursen organisiert. Die Spezialisierung sollte den Wissensstand der Schüler erhöhen und die Qualität des Unterrichts sollte durch Didaktisierung und innovative Lehrmethoden sowie den Einsatz moderner Medien verbessert werden. Die Zahl der Abiturienten wollte man auch dadurch steigern, dass das Überwechseln von Haupt- oder Realschule auf die gymnasiale Oberstufe nach Erwerb entsprechender Qualifikationen erleichtert wurde. Die Wahlmöglichkeiten stellten zudem ein kleines Stück Selbstbestimmung der Schüler her. Weitere Mitwirkungsmöglichkeiten für Schüler und Eltern in der Schule wurden durch nachfolgende Gesetze eingeführt.
Die Einführung der gymnasialen Oberstufe am Gymnasium am Paradieser Weg Die Diskussion über die reformierte Oberstufe begann im Mädchengymnasium im Jahre 1971. Schülerinnen und Lehrkräften waren Exemplare einer Informationsschrift des Kultusministeriums über die Reform ausgehändigt worden und auf der Konferenz vom 27. September 1971 referierte der junge Kollege Hans-Martin Römling mit Hilfe einer Strukturskizze über die praktisch-organisatorische Seite der Reform. Berichtet wurde auch über die Vorstellungen eines Reformausschusses von Lehrerinnen und Lehrern aller drei Soester Gymnasien, der ein eigenes Strukturmodell für die Oberstufenreform entwickelt hatte, was aber aus rechtlichen Gründen nicht berücksichtigt werden konnte.
Einen Monat später kam es dann zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Reform – mit ihren Grundprinzipien und Intentionen. Man kritisierte ungeklärte Begriffsinhalte in der Darstellung der Reform. Fragen nach der Abstützung des Pflichtbereichs wurden gestellt. Dahinter verbargen sich Sorgen über die Atomisierung des Bildungswesens, wenn nicht Grundwissensstoff gelehrt und gelernt würde. Sorgen klangen an, dass es zu einer Stufenschule und damit zu einer Zerstörung des organischen Zusammenhangs von gymnasialer Unter-, Mittel- und Oberstufe kommen könne sowie zu einer Spaltung des Kollegiums durch die Herausbildung von Stufenlehrern. Kritisiert wurde der Ansatz von Herwig Blankertz, der Pädagogik als kritische Theorie in emanzipatorischer Absicht verstand. Und dann wurde auch danach gefragt, ob die Oberstufenreform statt schulischen nicht dominant politische Ziele verfolge. Dennoch stimmte das Kollegium bei nur einer Gegenstimme für die Oberstufenreform. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die Oberstufe nicht von den übrigen Stufen abgetrennt würde. Dagegen waren 25 Kolleginnen und Kollegen, neun enthielten sich.
Am 24. Mai 1972 wurde eine frühe Reform der Oberstufe abgelehnt. Mit Mehrheit beschloss man aber die Einführung der Differenzierung ab der Obertertia (Klasse 9). Da 1974 ein Wechsel in der Schulleitung bevorstand und OstD‘ Zita Bruski die Reform noch unter ihrem Direktorat durchgeführt wissen wollte, wählte man für die Einführung der reformierten Oberstufe am Gymnasium am Paradieser Weg, so hieß unsere Schule seit 1972, den frühestmöglichen Zeitpunkt, den Beginn des Schuljahres 1973/74. Auf der Konferenz vom 6. Februar 1973 wurde die Einführung der reformierten Oberstufe für die Klasse 11 zum Schuljahr 73/74 beschlossen. Das verursachte einen hohen Zeitdruck und zwang zu Improvisationen.
Zwar waren gegen Ende des Schuljahres 72/73 an die Untersekundanerinnen Wahlzettel ausgegeben worden, die Schülerinnen hatten sie auch ausgefüllt, aber es gab noch keine klare Organisationsstruktur zur schulischen Umsetzung der Reform – man musste erst Erfahrungen machen. Die Probleme wurden bei der Erstellung des Stundenplanes in den Sommerferien deutlich. Die Klassenlehrer hatten die Wahlbögen nur teilweise ausgewertet. Das musste zuerst nachgeholt werden. Die Zuordnung zu den Pflichtkursen war weniger schwieriger als die Einrichtung der Wahlkurse. Das ergab sich daraus, dass die Schülerinnen manchmal recht einseitig gewählt hatten, sodass gar nicht genügend Fachräume und Lehrkräfte zur Verfügung gestanden hätten, wäre man ihren Wünschen gefolgt. Also mussten neue Zuordnungen vorgenommen werden, die von den Schülerwünschen abwichen.
Am ersten Schultag nach den Sommerferien wurden die Schülerinnen der Jahrgangsstufe11 zusammengeholt und ihnen wurde, oft zu ihrem Ärgernis, mitgeteilt, in welche Kurse sie zu gehen hätten. So weit es möglich war, wurden ihnen zu Beginn des Schuljahres weitere Umwahlen gestattet. Innerhalb weniger Wochen bildete sich dann eine Organisationsstruktur und ein Verfahren zur Abwicklung der zukünftigen Kurswahlen heraus. Am 1. Oktober 1973 wurde dann eine Oberstufenteam gebildet. Hildegard Schmidt wurde Oberstufenkoordinatorin, Ralf Luley, Helmut Raupach und Hans-Martin Römling wurden Beratungslehrer für jeweils eine Jahrgangsstufe der Sekundarstufe II, wie man jetzt die Oberstufe nannte. Vor Weihnachten 1973 wurden die Kurswahlen für die Leistungskurse vorgenommen, danach die für die Grundkurse. Und so verfährt man im Wesentlichen noch heute. Durch diesen Lernprozess kam man allmählich aus dem “Chaos” in das ruhigere Fahrwasser der Routine.
Immer neue Runderlasse zur “Reform der Reform” beschäftigen das Kollegium in den folgenden Jahren. Die Tendenz ging dahin, die Wahlfreiheit durch Pflichtbindungen einzuschränken und das Abitur wieder “schwerer” zu machen. Skeptisch gegenüber der Reform war vor allem die Fachschaft Französisch eingestellt, die durch die Bestimmungen zur Sprachenwahl, ursprünglich wollte man sich in NRW mit dem Belegen einer Fremdsprache bis zum Abitur zufrieden geben, einen Bedeutungsverlust ihre Faches durch mangelndes Interesse für das Französisch befürchtete. Und so ist es dann ja auch gekommen.
Und die Schülerinnen? Sie standen der Reformierung der Oberstufe zunächst skeptisch gegenüber. Im April ‘72 war an die Schülerinnen der Untersekunda (Klasse 10) ein Fragebogen ausgegeben worden, um zu ermitteln, welche Meinung sie zu einer frühen Einführung der reformierten Oberstufe vertraten. 38 Schülerinnen sprachen sich dafür, 37 dagegen aus. Auf der Gesamtkonferenz vom 24. Mai ‘72 sprach sich die Schülersprecherin gegen eine Reform der Oberstufe aus. Nachdem die Entscheidung aber einmal gefallen war, hegten die Schülerinnen große Erwartungen an die reformierte Oberstufe, die ihnen wie eine Art Collegesystem vorkam. Vor allem die Wahlmöglichkeit wurde als Fortschritt und große Chance angesehen, was sich daran zeigte, dass eine größere Anzahl von ihnen die Wahl von Zusatzkursen voll ausschöpfte.
Teilweise wurden drei Naturwissenschaften gewählt oder Kunst und Musik. Die Enttäuschung war daher groß, als wegen Lehrer- und Raummangels viele Wünsche nicht berücksichtigt werden konnten. Für 29 Klassen standen damals jeweils eine Lehrkraft für Biologie und Chemie zur Verfügung. Außerdem gab es nur einen Biologie- und einen Chemieraum, der gleichzeitig auch Physikraum war. Die Schüler hatten vor den ersten Kurswahlen auch in Erfahrung gebracht, welche Lehrerinnen und Lehrer die Kurse übernehmen sollten, und hatten eine “Personalwahl” getroffen, ein weiterer Grund, warum Umverteilungen vorgenommen werden mussten.
Einen weiteren Schritt der Demokratisierung bewirkte das Mitwirkungsgesetz des Landes NRW vom 13. Dezember 1977. Es ermöglichte u. a. Eltern und Schülern als Mitglieder von Fachkonferenzen über Unterrichtsinhalte oder die Einführung von neuen Schulbüchern mit zu beraten und über fachliche Angelegenheiten, wenn auch mit einigen Einschränkungen, abzustimmen. Seit dem Schuljahr 78/79 wurde auf den Fachkonferenzen unserer Schule nach diesem Modus verfahren.
Die erste Schulkonferenz, das Schulparlament, mit Eltern- und Schülervertretern und Vertretern der Lehrer fand an unserer Schule am xx. xxxxxxxxxxxxx xxxx statt. In zwei wichtigen Angelegenheiten, bei der Einführung der Fünftagewoche und bei der Einführung des Betriebspraktikums, hat sie übrigens ein Mehrheitsvotum der Lehrerkonferenz ignoriert und anders entschieden.
Bereits im “alten” Mädchengymnasium nahmen zeitweilig bis zu fünf Schülervertreterinnen, die Schulsprecherin, ihre Stellvertreterin und drei weitere Schülerinnen mit Rede- und Antragsrecht, hauptsächlich in SV-Angelegenheiten, regelmäßig an den Lehrerkonferenzen teil um ihre Vorstellungen darzulegen. Das ging so weit, dass sie den Antrag auf regelmäßige Teilnahme an den Zeugniskonferenzen stellten und eine offizielle Anfrage zur Objektivität von Zeugnisnoten stellten. Um keine unangenehmen Überraschungen erleben zu müssen, beschloss die Lehrerkonferenz, dass die Anträge der Schülerinnen vier Tage vor der Konferenz im Lehrerzimmer auszuhängen waren. Am 14. Oktober 1970 sprachen sich 37 von 40 Lehrkräften unserer Schule für eine Schülerstimmrecht auf Lehrerkonferenzen aus, wie es die Kultusministerkonferenz empfohlen hatte. Und mehrere Jahre waren Schülersprechtage am Mädchengymnasium eine Selbstverständlichkeit.
68 kam über die Raucherecke Der künftige Wandel im Großen kündigte sich im Schulalltag durch kleinere Veränderungen an – oder wurde durch solche nachgeholt. Der Wandel von Normen und Werten stellte sich als Liberalisierungsprozess dar. Ging es Ende der 60er Jahre in den größeren Studentenstädten um die Universitätsreform, den Vietnam-Krieg und die Notstandsgesetze, kam ‘68 über die Raucherecke im Soester Mädchengymnasium an.
Mitte der 60er Jahre fuhr man weiter nach Berlin, aber auch nach England, Paris oder Holland – mit dem Schiff –, zur Völkerverständigung, wie es damals hieß. Nennen wir es heute einen Lehrgang in Europaerfahrung. Hatte die Fachkonferenz Geschichte an unserer Schule noch am 11. Mai 1964 die Probleme einer gründlichen Quellenarbeit erörtert, wehte 1974 dann ein anderer Geist: Am 10. November diskutierte die Fachkonferenz Deutsch einen Aufsatz über Literatursoziologie, in dem die gesellschaftlich-politische Aufgabe des Literaturunterrichtes eingefordert wurde. Die Novelle Katz und Maus von Günter Grass, durchaus nicht frei von “pikantem Schweinkram”, sollte in der Unterprima gelesen werden.
Und den Mitgliedern der Fachkonferenz wurde ein Abituraufsatz anonym zur Begutachtung vorgelegt. So etwas Ähnliches wie Parallelarbeiten gab es damals also auch schon.
Am 30.Mai ‘68 diskutierte die Lehrerkonferenz das Problem einer Klassenparty, die für Obertertianerinnen, also Schülerinnen der Klassen 9, in einem Klassenraum des Pavillons abgehalten worden war, um die Schülerinnen von den Barbetrieben (=Diskos) fernzuhalten. Als großes Problem stellte sich nach einem Bericht der Klassenlehrerin, Frau Blömker, die fehlende bzw. mangelnde Kontrolle über die eingeladenen Herren dar. Am 7. März 69 kam es auf Antrag der SV zu einer lebhaften Diskussion über den Wunsch der Schülerinnen, ihnen eine Raucherecke einzurichten und dort das Rauchen zu erlauben. Das wurde wenig später realisiert. Auf derselben Konferenz wurde auch der Erlass erläutert, der vorschrieb, sensible Personalangaben – heute Schülerdaten – nicht in das Klassenbuch, sondern in ein Beiheft einzutragen. Heftige Diskussionen gab es in der Lehrerkonferenz vom 11. September 1969 über die in den Klassenzimmern der UII (Klasse 10) bis OI (Jahrgangsstufe 13) für den Gebrauch im Unterricht aufgestellten, von den Schülerinnen aber zweckentfremdeten Plattenspielern. Die Schülerinnen blieben in den Pausen lieber in den Klassenzimmern, um Musik zu hören, und zwar in voller Lautstärke, aber nicht das Forellenquintett, es heißt, es sei vor allem das Stöhn-Chanson Je t´aime – moi non plus von Serge Gainsbourg und Jane Birkin gewesen. Probleme durch laute Musik gab es auch bei verzögertem Unterrichtsbeginn oder in Freistunden – der Unterricht in den Nachbarklassen wurde erheblich gestört. Das Kollegium beschloss daraufhin, dass Plattenspieler nur noch im Beisein der Fachlehrer benutzt werden durften, in den Oberstufenklassen auch in Freistunden – aber nur in Zimmerlautstärke. Das Mitbringen eigener Geräte, auch von Radios oder Tonbandgeräten, wurde untersagt. And the beat goes on: In derselben Konferenz wurde das Kollegium auf das Datum der Aufführung des Musicals Hair in Düsseldorf hingewiesen (22. September 1969). Allerdings brauchte über lange Haare an einem Mädchengymnasium nicht gestritten werden. Dass in der Schülerzeitung Sexualaufklärung nicht am Beispiel des Weizenfeldes, über das der Wind geht, betrieben wurde, war ein Skandal, aber erst mal konnte sie gelesen werden. Die Schülerinnen demonstrierten auch für eine bessere Schule. Am 28.Januar 1971 kam es auf dem Soester Marktplatz zu einer Protestversammlungen der Schüler und Schülerinnen des Bezirks gegen die Bildungsmisere. Daran nahmen auch Schülerinnen unsere Schule teil. Eine Lehrerkonferenz am 26. Januar 1970 hatte beschlossen, dass die Schulleiterin ihnen dafür unterrichtsfrei geben sollte, was auch geschah. Nach der Kundgebung wurde mit Passanten diskutiert, am Abend gab es eine Diskussion mit Vertretern von Parteien und Verbänden. Das Kollegium schloss sich auch mit Mehrheit einem Protestschreiben u.a. gegen die Bildungsmisere an, das vom Kollegium des Archigymnasium verfasst worden war. Es wurde der Presse übergeben. Dass dann, vor allem in manchen Abschlussreden von Abiturientinnen und Abiturienten, auch Kritik am Schulsystem, an der Schule und Lehrer/innenschelte geübt wurde, hatte nicht nur individuelle, konkrete objektiv berechtigte Gründe, sondern war auch dem Zeitgeist geschuldet. Damals war nichts unpolitisch, auch nicht die Liebe – nicht Affirmation, sondern konstruktive Kritik war angesagt.
Das Ende des Mädchengymnasiums (1972-1976)
Hinter dem neuen Namen Gymnasium am Paradieser Weg verbarg sich auch, dass 1972 die Koedukation eingeführt worden war. Es gab also kein Mädchengymnasium mehr. Das lag damals in der Luft. Spätestens seit der Wende zum 20. Jh. waren durch den sozialen Wandel und auch durch die Lebensreform und die Jugendbewegung die Vorstellungen von einer Schule als Schonraum für Mädchen, notwendig wegen der anthropologisch bedingten unterschiedlichen Begabung von Mädchen und deren Phasenverschiebung in der körperlich-geistig-seelischen Entwicklung, in die Kritik geraten und durch die Macht der historisch-gesellschaftlichen Entwicklungen immer fragwürdiger geworden. Immer stärker wurde die Sinnhaftigkeit der starren Geschlechtertrennung im höheren Schulwesen in Frage gestellt.
Dass aus dem Mädchengymnasium ein “normales Gymnasium” wurde, hatte auch banalere Gründe. Da die Soester Jungengymnasien in der Einführung der Koedukation vorgeprescht waren, musste man nachziehen, wollte man die Schülerzahlen halten. Den eigentlichen Anstoß dazu, auch Jungen aufzunehmen, gab ein Elternpaar mit einem Sohn, der an Diabetes litt. Sie wohnten in der Nähe der Schule. Ihr Sohn sollte auf ein Gymnasium gehen. Um ihm bei krankheitsbedingten Vorfällen besser helfen zu können, stellten sie den Antrag auf Aufnahme in das “Noch-Mädchengymnasium”. Dem wurde stattgegeben. Seit dem Schuljahr 1971/72 besuchte Christoph Keß als erster männlicher Schüler das Gymnasium. Das war zunächst, da noch nicht offiziell beschlossen, eine “wilde” Koedukation. Wenig später, im nächsten Schuljahr, wechselten dann ältere Schüler, die an den Jungengymnasien so ihre Probleme hatten, auf unsere Schule über, nachdem die Koedukation offiziell wurde. Es waren allerdings zunächst noch “Exoten”. Im Schuljahr 72/73 besuchten 757 Schülerinnen und neun Schüler, unsere Schule, im Schuljahr 74/75 waren es 848 Schülerinnen und 57 Schüler. Nun waren die Zeiten vorbei, als Jungen das Schulgelände, etwa wenn sie Partys im Schulpavillon besuchen wollten, nur durch den Haupteingang betreten durften. Jetzt kamen sie über den Sportplatz oder von der Seite.
Ein neuer Name und eine neues Schulhaus
Da die Erweiterungsmöglichkeiten des alten Schulgebäudes ausgeschöpft waren und die Schülerzahlen weiter anstiegen, war 1970 ein Schulzentrum als Neubau auch für unsere Schule beschlossen worden.
Am 7. Juni ‘71 wurde deshalb ein landesweiter Architektenwettbewerb gestartet. Den Auftrag bekam das Soester Architektenbüro Groth. Am 18. Februar ‘74 wurde der Bau begonnen. Im Herbst 1976 war er fertiggestellt, sodass die Schule am 24. und 25. Oktober zum Paradieser Weg 92 umziehen konnte. Am 9. Dezember wurde das Bauwerk durch einen Festakt feierlich übergeben. Der Festredner, der Erziehungswissenschaftler Professor Geissler aus Bonn, sprach über Bildung in unserer Zeit. Ehrengast der Veranstaltung war der Soester Maler Hans Kaiser, 1976 Träger des Conrad-von-Soest-Preises der Landschaftsverbandes. Der Öffentlichkeit stellte sich die Schule am 11. Dezember ‘76 mit einem gut besuchten Tag der “Offenen Tür” vor.
Im Frühjahr 1977 begann der Bau der Außensportanlage. Mit einem Sportfest am 12. September 1979 wurde der regelmäßige Unterricht dort aufgenommen.
Den neuen Namen, den man dem Gymnasium schon am 20. April 1976 gegeben hatte und der in den Neubau mit umgezogen war, hatte man mit Bedacht ausgewählt. Der der Schule 1972 gegebene Name Gymnasium am Paradieser Weg wurde allgemein als wenig aussagestark und provisorisch empfunden, da er einfach nur vom Namen der Straße, an der die Schule lag, abgeleitet war. Auch um den Anspruch der Gleichwertigkeit mit den anderen Soester Gymnasien zu dokumentieren, bot sich der Name des spätmittelalterlichen Malers an. Die Namengebung würde man heute auch als die Chiffre eines Schulprogramms bezeichnen. Conrad von Soest hat als Maler der Übergangszeit vom Mittelalter zur Renaissance Neues geschaffen. Das passt zu einer Schule, die Neues schaffen wollte und will. Er selbst war kein Provinzler, seine Kunst und ihre Einflüsse verbreiteten sich schnell über den deutschen Hanseraum hinaus. Auch das passt zu einer Schule mit vielen internationalen Kontakten. Bei der Auswahl des Namens war man zudem an einen Ratsbeschluss gebunden, der einen Schulnamen mit Bezug zur Stadt vorschrieb. Das Kollegium begeisterte sich schnell für den Namen und der Rat beschloss ihn mit klarer Mehrheit. Der damalige Schulleiter, OStD Busmann, sorgte dafür, dass der Maler und sein Werk dem Kollegium näher gebracht wurden. Es wurde am 12. Juni 1976 durch einen Vortrag mit dem Titel Wer war Conrad von Soest? – gehalten von Professor Pieper aus Münster – mit dem Maler und seinen Werken vertraut gemacht. Am 2. März 1977 wurde ein Kollegiumsausflug nach Bad Wildungen zur Betrachtung des Wildunger Altars unternommen. Und am 21. März 1977 berief der Schulleiter eine Gesamtkonferenz in das Gemeindehaus der Dortmunder Reinoldusgemeinde ein, dabei ging es vor allem um eine Begegnung mit den Dortmunder Altären Conrads.
Das Schulgebäude selbst atmet den Geist der 70er Jahre. Der Neubau kam nicht nur auch deshalb zustande, weil es damals für die Errichtung von Schulzentren großzügige Landeszuschüsse gab. Selbst wenn eine Hauptschule und ein Gymnasium als selbstständige Einheiten in das neue Schulgebäude einzogen, so kann doch vermutet werden, dass im Hintergrund durchaus Überlegungen zu einer additiven Form der Gesamtschule eine Rolle gespielt haben, die irgendwann einmal aus den beiden Schulen entstehen könnte. Auf jeden Fall hoffte man, optimistisch wie man damals war, auf ein gemeinsames Voneinander-Lernen und auf weitere Synergieffekte im pädagogischen und organisatorischen Bereich.
Dem Schulgebäude fehlte und fehlt die Heimeligkeit so manch anderer Soester Schule. Aber im Vergleich zum alten Gebäude bietet es durch die hellen Klassenräume, die modern ausgestatteten Fachräume und durch die großzügigen Sporthallen und Außensportanlagen noch heute gute räumliche Voraussetzungen für den Unterricht. Eine Besonderheit stellt, von der Größe und der Ausstattung her gesehen, die Aula dar. Zunächst war für die Schule nur eine kleine Lösung vorgesehen. Da der Stadt Soest damals in der “stadthallenlosen” Zeit aber eine geeignete repräsentative Räumlichkeit für größere Veranstaltungen fehlte, konnte auf Initiative von OStD Busmann eine größere Aula für das Schulzentrum gebaut werden.
Kurz – man muss den funktionalen Bau nicht lieben, aber schätzen kann man ihn. Noch heute erfüllt er in besonderer Weise seinen Zweck.
Die Konkurrenz wird härter und die Einführung der Blindenintegration
Am 21. Juni 1977 wurde die erste Abiturientia im neuen Haus entlassen. Da die Schule einen guten Ruf hatte, auch im Soester Umland, stiegen die Schülerzahlen weiter an. Einen Anmeldungsboom gab es im Schuljahr 1980/81. Es mussten sechs Eingangsklassen eingerichtet werden.
Nur vier Jahre später, im Schuljahr 84/85, gab es mit nur 75 Anmeldungen einen dramatischen Einbruch bei den Schülerzahlen. Lediglich drei Eingangsklassen konnten eingerichtet werden. Hauptursache dafür war das Vorhaben in Soest eine Gesamtschule einzurichten. Die Debatte darüber in der Öffentlichkeit, vor allem in den Lokalteilen der örtlichen Presse, intensivierte sich seit dem Spätsommer 1984. Es hieß, dass das Schulzentrum als geeigneter Bau für die zukünftige Gesamtschule durchaus in Frage käme. Ebenfalls wurde öffentlich über die Umverteilung von Schülerinnen und Schülern des Conrad-von-Soest-Gymnasiums an andere Soester Schulen spekuliert. Die Existenz der Schule schien auf dem Spiel zu stehen.
Um der Gefahr des weiteren Schülerschwundes und der langsamen Abwicklung der Schule zu begegnen, vor allem aber auch aus prinzipieller Skepsis diesem für Soest neuen Schultyp, seinen pädagogischen Grundprinzipien und seiner speziellen Organisationsform gegenüber, engagierten sich viele Kolleginnen und Kollegen, ebenso viele Eltern, in einer Aktionsgemeinschaft gegen eine Gesamtschule in Soest.
Durch Informationsveranstaltungen, Leserbriefe und andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit wurde versucht, die Öffentlichkeit über die Schwächen des Schulkonzeptes aufzuklären. Neben anderem waren diese Bemühungen zunächst erfolgreich. In einer Umfrage im August ‘85 wünschten nur 20% der befragten Eltern der Grundschulkinder für Soest eine Gesamtschule. – Sie wurde 1989 mit einer Stimme Mehrheit durch einen Ratsbeschluss eingeführt.
Als Ergebnis der zunächst erfolgreichen Blockade der Gesamtschule stiegen die Schülerzahlen wieder langsam an. Im Schuljahr 86/87 wollten 84 Schüler ihre gymnasiale Laufbahn an unserer Schule beginnen.
Die Planungssicherheit für unsere Schule vergrößerte sich, als durch den ersten Schulentwicklungsplan 1986-92 Richtzahlen für die „Zügigkeit“ der Schulen festgelegt wurden. Unsere Schule sollte vierzügig sein. Als Konsequenz daraus ergab sich, dass bei zu geringen Anmeldungszahlen die anderen Soester Gymnasien, sollten dort die Anmeldungszahlen über dem Soll liegen, Schüler an uns abgeben müssen, was natürlich auch umgekehrt gilt. Dieses Verfahren wurde vom Schulausschuss der Stadt Soest legitimiert und wird seit dem Schuljahr 1993/94 durchgeführt.
Eine weitere wichtige Entwicklung unserer Schule in dieser Zeit – in den Jahren 1976 bis 1988 – stellte die Blindenintegration dar. Sie zählt auch zu den bedeutsamen Leistungen im pädagogisch-fachlichen Aufgabenfeld. Noch ohne eine Konzept entwickelt zu haben, nahm man 1976 Sabine di Benedetto als erste blinde Schülerin an unserer Schule auf. Im Schuljahr 1980/81 fasste man den Beschluss, einen Schulversuch zu starten und erstellte ein pädagogisches Konzept, nach dem die Integration durchgeführt werden konnte.
Die Eltern der blinden Schülerinnen und Schüler sollten dadurch weitgehend von der schulischen Arbeit entlastet werden, dass Lehrkräfte unserer Schule für die Erstellung von Punktschrifttexten und taktilen Abbildungen sorgten und sich in die Blindenpädagogik einarbeiteten. Erleichtert wurde die Herstellung von Medien durch die damals gerade aufkommende Datenverarbeitung. Durch sie war es relativ leicht möglich, auch ohne Kenntnis der Braille-Schrift Normalschrift in Blindenschrift umzuformen. Unterstützt wurden wir in der Einarbeitungsphase von Professor Hugo Schauerte von der Universität Dortmund, der in unserer Schule ein zweisemestriges Seminar in Blindenpädagogik abhielt. Die erlernten wir durch “learning by doing”. Notwendig und hilfreich war auch die Mitarbeit von Lehrern der Westfälischen Schule für Blinde in Soest.
Zum Schuljahr 1981/82 übernahmen wir von der Blindenschule sechs sehgeschädigte Schülerinnen und Schüler in die Sexta. Mit geringen Mitteln, aber großem Einsatz der Kolleginnen und Kollegen, die mit deutlicher Mehrheit diesem Projekt auf einer Lehrerkonferenz zugestimmt hatten, wurden in der Erprobungsstufe die ersten Erfahrungen gesammelt. Schon im folgenden Schuljahr wurden neue sehgeschädigte Schüler aufgenommen. Als von dem Schulversuch auch die Presse und das Fernsehen berichteten, kamen weitere Schüler hinzu, deren Eltern z. T. für die Beschulung ihrer Kinder nach Soest umzogen. Der Höchststand an sehgeschädigten Schülern am Conrad-von-Soest-Gymnasium lag bei 19 Blinden und Sehbehinderten, die über alle Jahrgangsstufen sowie Grund- und Leistungskurse verteilt waren. Auch schwierige Fächer wie Sport, den man ursprünglich aus der Integration ausklammern wollte, wurden mit aufgenommen. Höhepunkt dabei war der Erwerb des Segelscheins durch einige blinde Schüler am 14. Oktober 1986.
Aus dem ersten Schulversuch wurden zwei aufeinanderfolgende Modellversuche der Bund-Länder-Kommission, die auch die Anstellung von Punktschriftschreibern und eines Medienassistenten erlaubten sowie die Anschaffung moderner Computerausrüstung mit Scannern und leistungsfähigen Punktschriftdruckern ermöglichten.
Nachdem 1988 die Beteiligung des Bundes am Schulversuch beendet wurde, richtete das nordrhein-westfälische Kultusministerium an unserer Schule ein Förderzentrum zur Integration blinder und hochgradig sehbehinderter Schüler ein, kurz FIBS genannt, das dem Landesinstitut für Schule und Weiterbildung Soest unterstellt wurde.
Seit geraumer Zeit unterstützt diese Einrichtung alle blinden Schülerinnen und Schüler, die in NRW eine Regelschule – egal welchen Typs – besuchen. Außer der Beratung von Eltern, Schülern, Lehrern und Schulverwaltungsämtern obliegt dem FIBS die Umsetzung aller für den Unterricht von Blinden oder Sehgeschädigten erforderlichen Texten und Medien. Diese Arbeit wird nicht allein von den Medienassistenten geleistet, sondern auch immer noch von einer Anzahl von Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule, die eine gewisse einschlägige Kompetenz erworben haben. Momentan sind dem FIBS ca. 35 Schulen angeschlossen, die z.T. in den äußersten Regionen unseres Bundeslandes liegen. Bis zum jeweiligen Schulabschluss ist eine Menge an Unterrichtsmaterial für die Schüler zu erstellen und abzuliefern.
Unter unseren ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die mittlerweile ihr Studium abgeschlossen haben, finden sich Journalisten, Juristen, Informatiker und Therapeuten.
Zwar konnten nicht alle ursprünglichen Vorstellungen realisiert werden – die Anzahl der blinden Schüler an unserer Schule ging, nachdem immer mehr Schulen den integrativen Unterricht von Blinden und Sehgeschädigten aufgenommen hatten, zurück –, gleichwohl wird die Blindenintegration auch in Zukunft immer ein wichtiges Feld der fachlich-pädagogischen Arbeit an unserer Schule sein.
6. Von heute in die Zukunft
Schulentwicklung als pädagogische Modernisierung
Welche wichtigen Entwicklungstendenzen charakterisieren die vorläufig letzte Epoche der Geschichte unserer Schule?
Auch heute versucht unsere Schule ihre pädagogische Modernisierung aktiv zu gestalten. Sie reagiert einerseits, wie während ihrer gesamten 125jährigen Geschichte, auf gesellschaftliche Entwicklungen und Anforderungen und vollzieht vorgegebene und vorgeschriebene Lösungswege nach. Andererseits entwickelt sie auch heute charakteristische Lösungen, die – in dieser Form – häufig nicht zu finden sind.
Projektunterricht
Zur pädagogischen Modernisierung gehört die Ausweitung des Projektunterrichts. Der Start in diese Form des Unterrichts erfolgte, auch wenn es schon Vorläufer gab, mit der ersten Projektwoche vom 1. bis 5. Juli 1983. Projektgruppen aus allen Jahrgangsstufen beschäftigten sich mit dem Thema Soest - unser Lebensraum. Eine zweite, darauf folgende Gesamt-Projektwoche zeigte, dass wegen des großen organisatorischen Aufwandes diese Form des Projektunterrichts wenig erfolgreich und daher nicht zukunftsfähig war. Nach einer Experimentierphase schälte sich folgender organisatorischer Rahmen für den Projektunterricht heraus: Obligatorische Projekttage werden zu Beginn der Jahrgangsstufe 11/1 als eine Form des Oberstufenunterrichts durchgeführt. In den anderen Jahrgangsstufen erfolgt er meist als Fachunterricht an geeigneten Unterrichtsstoffen und ergänzt die traditionellen Formen des Unterrichts.
Der Projektunterricht stellt für uns einerseits einen Versuch dar, gesellschaftliche Anforderungen an die Fähigkeiten unsere Schüler zu erfüllen. Gemeint sind damit etwa der Erwerb von Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, problemlösendes Denken, größere Selbstständigkeit im Lernprozess und die Übernahme größerer Verantwortung für sein Gelingen. Andererseits soll der Projektunterrichts das zentrale Ziel einer emanzipatorischen Pädagogik, die Erziehung zur Mündigkeit, mit verwirklichen helfen.
Praktisches handlungsbezogenes Lernen und Engagement für das Gemeinwesen
Auf welchen Feldern spielt sich die pädagogische Modernisierung an unserer Schule noch ab?
Als Konsequenz verschiedener lerntheoretischer Ansätze ergibt sich die Forderung an die Schule, das Lernen an konkreten und realen Problemen anzubinden, sich dazu stärker als bisher ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu öffnen und die Selbstständigkeit der Schüler im Lernprozess zu fördern. Es gilt aus dem Verstehen heraus zu handeln und durch praktische Arbeit an der positiven Gestaltung des Gemeinwesens, sei es die Schule, sei es die Kommune und Heimatstadt, mitzuwirken. Besonders erfolgreich auf diesem Feld waren die Biologie- und Energiespar-AG
Vom Schulteich zum Konzept Biotopverbund Soest-West Nachdem die Biologie-AG 1984 gegründet worden war, ging es zunächst um praktisches Lernen außerhalb des Klassenzimmers an kleineren Umweltprojekten, die aber den schulischen Wirkungsbereich nicht überschritten. Bäume wurden gepflanzt und ein Schulteich wurde gebaut. Recht bald kam es aber zur Transformationen schulischer Arbeit in den gesellschaftlichen Raum. Auf Initiative der Biologie-AG führte die Stadt Soest viele Renaturierungsmaßnahmen durch.
Die in der Untersuchung über die Soester Bäche enthaltenen Vorschläge zur Offenlegung der Soester Quellen und Renaturierung der Bachläufe wurden den städtischen Gremien vorgestellt und nach einem Ratsbeschluss umgesetzt, wovon sich jeder überzeugen kann, der heute in der Innenstadt am Soestbach entlang geht. Nach der Untersuchung des Amper Bruchs, von dem ein Teil als Schrottplatz genutzt wurde, und der Erstellung eines ökologischen Gutachtens erfolgte per Ratsbeschluss 1994 die Renaturierung des Gebietes als erste Soester Naturschutzzone. 1996 wurde das ökologische Gutachten über die Klärteiche der ehemaligen Zuckerfabrik zur Grundlage der Flächenplanung von Kreis und Stadt Soest. Seit dem Jahr 2000 wird ein Konzept für den Biotopverbund Soest-West erarbeitet, das in die städtische Bauplanung übernommen wird.
Wie erfolgreich und beispielhaft die Arbeit war, zeigt sich einerseits an den vielen hochkarätigen Preisen, mit denen Schülerinnen und Schüler der Biologie-AG ausgezeichnet wurden – darunter bei Jugend forscht, die Auszeichnung mit dem Comenius-Förderpreis und zuletzt die Verleihung des Westfälischen Friedenspreises –, andererseits wird das auch daran deutlich, dass verschiedene Lehrfilme als Unterrichtsmaterial gedreht und wissenschaftliche Aufsätze über die Arbeit der AG veröffentlicht wurden.
Die Biologie-AG beteiligt sich auch an der Umsetzung der auf der Konferenz von Rio beschlossenen Agenda 21. Hier bietet das schon oben erwähnte Konzept des Biotopverbunds, das seit dem Schuljahr 98/99 entwickelt wird, die Möglichkeit, den abstrakten Agendaprozess zu konkretisieren, indem die Schüler für jeden Ort, für jeden Bereich, in dem sie sich engagieren, eigene Programme entwickeln.
Wie wir zur Solarschule wurden Ein weiteres Beispiel für die Verknüpfung von traditionellem schulischen Lernen mit praktischem Handeln zur Mitwirkung an der Lösung gesellschaftspolitischer Probleme stellt die im Februar 1998 gegründete Energiespar-AG dar. Ihr geht es um einen Beitrag unserer Schule zum Klimaschutz, einem wesentlichen Problem der Menschheit.
Schon nach einem Jahr zeigte sich, wie erfolgreich die Arbeit war. Durch Information der Mitschüler, durch Messen des Energieverbrauchs, durch Kontroll- und Dämmmaßnahmen, durch den Austausch von Beleuchtungskörpern mit hohem Energieverbrauch und weitere Maßnahmen konnte der Energieverbrauch der Schule im Vergleich mit dem Jahr 1997 deutlich gesenkt werden. 16% an Strom und 13% an Gas konnten eingespart werden. Neben Defensivmaßnahmen verfolgt die Energiespar-AG auch ein offensives Konzept der Nutzung alternativer Energien durch den Einsatz von Zukunftstechnologien an unserer Schule. So wurde auf Betreiben der AG im März 2001 eine Sonnenkollektoranlage in Betrieb genommen, die den Wärmebedarf für das Duschwasser im Sportbereich und einen Teil der Heizenergie liefert. In Planung ist die Errichtung einer Photovoltaikanlage. Auch diese Erfolge waren nur durch eine intensive Zusammenarbeit der Schule mit der Verwaltung der Stadt Soest, den Stadtwerken und Soester Betrieben möglich.
“Der Ernst des Lebens” in der Klasse 10 - drei Wochen lang Eine weitere, wenn auch andere Form der “Öffnung von Schule” oder des “Lernens am außerschulischen Ort”, wie es im Pädagogenjargon heißt, ermöglicht das Anfang 1994 für die Klassen 10 eingeführte Betriebspraktikum. Praktika machten auch schon die Schülerinnen des Mädchenlyzeums seit den 30er Jahren. Sie waren aber einerseits sehr eng auf die Ausübung eines Frauenberufs im sozialen Bereich ausgerichtet, waren daher Kindergartenpraktika oder solche im sozial-pflegerischen Bereich. Andererseits leiteten sich ihre Begründung und Sinnhaftigkeit aus einem traditionellen Bild von der Stellung und Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft ab.
Die jetzige Art des Betriebspraktikum kennt solche Einschränkungen nicht. Praktika sind in allen Berufsfeldern möglich. Sie sollen Schülerinnen und Schülern möglichst vielfältige Erfahrungen in ökonomischen und sozialen Bereichen der Arbeitswelt vermitteln und sie mit den Anforderungen und Pflichten der Arbeitswelt konfrontieren. Die Bewährung im Praktikum fördert die Selbstständigkeit der Jugendlichen; und manchmal ist das Praktikum auch Orientierungshilfe bei der Berufsfindung. Die Verknüpfung von schulischem Lernen und praktischer Erfahrung in der Arbeitswelt erfolgt über die intensive Vor- und Nachbereitung im Unterricht.
Durch das Betriebspraktikum konnte die Schule auch kontinuierliche Beziehungen zu vielen Soester Unternehmen, Betrieben und Praxen aufbauen, die regelmäßig Praktikumsplätze zur Verfügung stellen.
Diplomaten in Gummistiefeln Eine weitere Entwicklung, auf die unsere Schule reagiert hat, ist die seit den 50er Jahren des 20. Jhs. vorangeschrittene Europäisierung und Internationalisierung der Lebenswelt. Das politische Engagement des Staatsbürgers, das Betroffen-Sein von Politik im postklassischen Nationalstaat, die Anforderungen an, aber auch die Chancen für die Lebenspraxis des Einzelnen als Arbeitnehmer in der globalisierten Wirtschaft, als Tourist oder Kulturkonsument in einer mulitikulturellen Zivilisation werden verstärkt von europäisch-internationalen Rahmenbedingungen geprägt.
Als notwendiges Instrument der Bildung, die zum Verstehen, zur Bewältigung und zur Gestaltung der oben beschriebenen Anforderungen und Chancen beiträgt, leistet nach wie vor der klassische Schüleraustausch mit unseren Partnerschulen Bedeutendes. Er ist das Grundelement des interkulturellen Lernens.
Türöffner in die Welt waren zuerst der Schüleraustausch und die Partnerschaft mit Schulen in Troyes und Chaumont in Frankreich seit 1972. Unsere Partnerschule dort ist heute das Collège Louise Michel. Von Anfang an ging es um das Ausprobieren der Französischkenntnisse, das Erleben des Alltags in Frankreich, aber auch um die Begegnung mit seiner Geschichte und Kultur. Der Bogen spannte sich gleichsam vom Geschmack der Zwiebelsuppe bis zum Blick auf Nortre Dame an der Seine. Zu den Bildungserlebnissen sollte der Austausch auch einen Beitrag zur Völkerverständigung, zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen leisten. Dies war vor allem nach dem Besuch des französischen Präsidenten Charles de Gaulle 1962 in der Bundesrepublik zum politischen Ziel und nach der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes zur Aufgabe der Jugend geworden. Heute sind die politische Fundierung und die starke emotionale Prägung zwar nicht ganz verschwunden, aber weitgehend in den Hintergrund getreten. Verlässlichkeit und Routine dominieren, was nur den Erfolg des Austausches zeigt. Wieviel die erste Partnerschaft den Schulen heute immer noch bedeutet, zeigt die Teilnahme einer französischen Delegation am Schuljubiläum im September 2001.
Den Schüleraustausch mit der Säveskolan in Visby auf der schwedischen Insel Gotland seit 1982 könnte man als Fortsetzung der traditionellen hansischen Beziehungen von Soest und Visby seit dem Mittelalter bezeichnen. Unserer Schule bietet er Kontakte mit Nordeuropa, die schwedische Schule gewann mit Soest ein attraktives Reiseziel für ihre Deutsch lernenden Schüler.
Der erste Besuch in Bangor/Wales fand 1988 statt. Sprachpraxis und die Möglichkeit des Kennenlernens von Land und Leuten sind gemeinsame Ziele, die uns mit der David-Hughes High School verbinden.
Die Schulpartnerschaften mit den drei anderen Schulen, dem Liceum Ogolnoksztalcace in Strzelce Opolskie, Polen, dem Arpard Vezer Gimnazium Sárospatak, Ungarn, und dem Almere College in Kampen, Niederlande, bestehen erst seit Mitte der 90er Jahre des 20. Jhs.
Als 1989 der Eiserne Vorhang hochging und zu Beginn der 90er die Beziehungen zwischen Deutschland und den ehemaligen Ostblockstaaten sich normalisierten, nutzte die Schule, unterstützt von der Stadt Soest, die Möglichkeit, Kontakte nach Oberschlesien und etwas später nach Ungarn zu knüpfen. Wir haben dadurch Partner und Freunde gewonnen, die uns dabei helfen, den historisch und kulturell so bedeutsamen und politisch für Deutschland so wichtigen und schicksalsträchtigen ostmitteleuropäischen Raum kennen und verstehen zu lernen.
Die Zusammenarbeit mit dem Almere College entwickelte sich seit dem internationalen Hansetag in Soest 1995 in der Durchführung gemeinsamer Projekte.
Nicht zufällig sind wir mit Schulen der offiziellen Partnerstädte der Stadt Soest verbunden. Es ist nicht nur manchmal ganz nützlich und erleichtert vieles, wenn man auf die Hilfe von Rat und Verwaltung bauen kann.
Schulpartnerschaften und Schüleraustausch haben wir immer auch als Möglichkeit aufgefasst, die Bürgerschaft, den Rat und die Verwaltung bei ihren Bemühungen zu unterstützen, auf kommunaler Ebene eine Zusammenarbeit von Städten in Europa zu erreichen, um dadurch die Menschen einander näher zu bringen. Durch den Schüleraustausch sollen die Kontakte von Jugendlichen der Partnerstädte verstetigt und intensiviert und die anderen Formen der Begegnung von Bürgern ergänzt werden. Unsere Schülerinnen und Schüler sollen also durch ihre Besuche dabei mithelfen, die Beziehungen von Bürgern unterschiedlicher Nationalität zu vertiefen, sind daher – in Anspielung auf die besondere Rolle, die die Biologie-AG dabei in den letzten Jahren gespielt hat – Diplomaten in Gummistiefeln.
Eine auf das organisierte Lernen abzielende Kooperation stellt eine neue Stufe und vertiefte Qualität der Schulpartnerschaft dar. Sie hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Die bisher gelungene Projektarbeit von Schülergruppen oder Kursen mit einigen unserer Partnerstädte an Schlüsselproblemen vermittelt Erfahrungen einer erfolgreichen europäischen Zusammenarbeit im Kleinen. Diese Erfolgserlebnisse sollen bei Schülerinnen und Schülern eine positive Grundeinstellung dazu wecken, darauf zu vertrauen, dass auch die großen zwischenstaatlichen und europäischen Probleme langfristig lösbar sind und dass sie sich dafür engagieren müssen, als diejenigen, die in der Zukunft Europa gestalten werden.
Diese Form des Lernens wird einerseits als binationale, andererseits als multinationale Projektarbeit organisiert und beschäftigte sich bisher mit Umweltproblemen sowie mit historisch-politischen Themen. Das Projekt Umwelt kennt keine Grenzen war ein deutsch-polnisches Umweltprojekt der Biologie-AG und eines Chemiekurses des Lyzeums in Strzelce 1994-95. Drei Jahre später lief das multinationale Umweltprojekt Hydor men ariston, an dem neben Schülerinnen und Schülern unserer Schule auch solche aus Kampen, Strzelce Opolskie, Sárospatak und Visby teilnahmen. In gleicher Besetzung wurde 1998 bis 2000 das Umweltprojekt Water in abundance durchgeführt. Und für das Jahr 2002 wird vom Gimnazium in Sárospatak das dritte multinationale Umweltprojekt, eine ökologische Untersuchung an den ungarischen Flüssen Theis und Bodrum vorbereitet.
Das deutsch-polnische Geschichtsprojekt Alte neue Heimat beschäftigte sich 1997 mit dem Schicksal deutscher und polnischer Flüchtlinge und Vertriebener während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein weiteres deutsch-polnisches Geschichtsprojekt soll in der ersten Hälfte des Jahres 2002 abgeschlossen werden. Denkmäler in Soest und Strzelce Opolskie als Beispiele lokaler Erinnerungskultur soll untersuchen, welches lokale Geschichtsbild durch die Denkmäler repräsentiert wird und von welcher Bedeutung sie für die Entwicklung eines solchen sind.
Alle Projekte sind zwei- oder mehrsprachig dokumentiert und wurden und werden auf deutschen und internationalen Veranstaltungen, z.B. den Hansetagen, der Öffentlichkeit vorgestellt.
Das für die Schule wichtigste und schönste Ergebnis dieser Lern- und Verständigungsversuche war die Verleihung des Westfälischen Friedenspreises an das Conrad-von-Soest-Gymnasium am 28. Oktober 2000. Ihn konnte unser Schulleiter, OStD Hans Jürgen Wiesmann, an der Spitze einer Schuldelegation im Friedenssaal des Münsteraner Rathauses in Empfang nehmen.
Und was sonst noch? Seit Mitte der 80er Jahre zog der Computer auch in das Conrad-von-Soest-Gymnasium ein. Ohne Computer entsteht kein Stundenplan mehr. Das Schreiben der Zeugnisse und die Dienstpost der Schule werden über Computer abgewickelt. Lehrer schreiben ihre Texte und Unterrichtsvorbereitungen, Schüler ihre Facharbeiten darauf. Recherchiert wird im Internet. – Aber eigentlich ist der Computer für uns nur ein modernes Schreibgerät oder Lern- und Lehrmittel – also nichts Besonderes.
Angesichts der immer bedeutender werdenden Rolle von Images, die in einer Gesellschaft ständig zunehmender indirekter Kommunikation die Orientierung erleichtern, erwies es sich als notwendig, eine zeitgemäßere, effizientere und wirksamere Form der Öffentlichkeitsarbeit, als es die traditionelle Pressearbeit war, zu leisten. Seit ca. drei Jahren hat sich der Schwerpunkt von der reagierenden auf die offensive, planmäßige, langfristig angelegte, steuernde sowie die antizyklische Öffentlichkeitsarbeit verlegt, die per Kontrast Aufmerksamkeit erringen will. Ein wichtiger Bestandteil davon ist das Schulleben, eine knappe, periodisch erscheinende Informationsschrift für die Eltern, die zum ersten Mal 1999 herausgegeben wurde.
Und das Schulprogramm, mit dem sich das Kollegium rund fünf Jahre beschäftigt hat, wurde unter Mithilfe von Eltern in seiner ersten Fassung Ende Dezember 2000 abgeschlossen. Es stellt einen Versuch dar, in pragmatischer Weise den Stand der Schulentwicklung zu fixieren und für Fachunterricht und Erziehungsarbeit sowie verschiedene Bereiche des Schullebens Perspektiven für die Zukunft unserer Schule aufzuzeigen.
Und die Zukunft?
Angesichts der Standortnachteile unserer Schule gegenüber anderen weiterführenden Schulen in Soest, angesichts der in wenigen Jahren zurückgehenden Schülerzahlen und angesichts vor allem der jetzt schon bestehenden Möglichkeiten, an vielen Soester Schulen höhere Bildungsabschlüsse und das Abitur abzulegen, wird es für uns darauf ankommen, auch für kommende Schüler- und Elterngenerationen eine attraktive, also gute Schule zu bleiben. Wir müssen unsere fachliche und pädagogische Kompetenz bewahren und da, wo es möglich und notwendig ist, auch steigern.
Für die nahe Zukunft sehe ich zwei wichtige Aufgaben vor uns. Einmal müssten wir ein Mittelstufenkonzept entwickeln, das Vorschläge für eine verstärkte Erziehungsarbeit und die fachliche Förderung der Mittelstufenklassen enthält. Vor allem müssen wir uns mit der uns aufgegebenen Entwicklung einer Profiloberstufe befassen und dafür zu vernünftigen Lösungen kommen. Fast könnte man dazu sagen Zurück in die Zukunft.
Alfons Kenkmann scheint mir unsere augenblickliche Situation zutreffend zu beschreiben, wenn er in seinem Aufsatz Von der bundesrepublikanischen “Bildungskatastrophe” zur Bildungsreform in der 60er Jahren bilanziert:
Hatte die Bildungsforschung 1964 als Inkarnation der “Bildungskatastrophe” das katholische Mädchen vom Lande ausgemacht, so gilt heute übrigens das katholische Mädchengymnasium in der Provinz als Garant effizienter Bildung.(Diese Aussage ist sicher auch konfessionsübergreifend richtig.)
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Da fühlt man sich und denkt beinahe wie Camus‘ Sisyphos (soll eine Metapher für die älteren Leserinnen und Leser sein). Also: La lotta continua – oder doch besser: The beat goes on!? – aber auf jeden Fall, wie 1963 Bob Dylan (auch gerade sechzig Jahre alt geworden!) sang: For the times they are a-changing. Jochen Grade
Anmerkungen
Als Zwerg sitze ich auf den Schultern folgender Riesinnen und Riesen, ohne deren Vorarbeit dieser Aufsatz nicht hätte geschrieben werden können und denen ich für ihre Arbeit danke.
Abiturentia 1945/46: 50 Jahre danach – Erinnerungen an unsere Schulzeit 1933-1945/46. o.O., 1995
Blattgerste, Eduard: Die Entwicklung des Conrad-von-Soest-Gymnasiums von 1876-1976. In: Einhundert Jahre Conrad-von-Soest-Gymnasium und Namensvorgänger. Soest 1976
Blotevogel, Wilhelm: 50 Jahre städtisches Lyzeum Soest, 1876-1926. Soest 1926
Dellbrügger, Ulrich/ Grade, Jochen (Hg.): Diplomaten in Gummistiefeln. Die europaweiten Projekte des Conrad-von-Soest-Gymnasiums. Dokumentation anlässlich der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises 2000. Soest 2000
Ferchland, Paul: 1876-1951 Städtisches Mädchengymnasium Soest, Paradieser Weg. Geschichte der Anstalt. Soest 1951
Frandsen, Dorothea: Helene Lange – Ein Leben für das Bürgerrecht der Frau. Oldenburg 1999
Görtemaker, Manfred: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – Von der Gründung bis zur Gegenwart. München 1999
Kenkmann, Alfons: Von der bundesdeutschen “Bildungsmisere” zur Bildungsreform in den 60er Jahren. In: Axel Schildt u.a.: Dynamische Zeiten – die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften. Hamburg 2000
Köhn, Gerhard: Soest in der Geschichte. Ein Kalender von 5500 v. Chr. bis 1992. Soest 1992
Ders.: Soest in alten Bildern, Band 2. Die Soester im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Soest 1986
Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat. München 1983
Protokollbücher der Lehrerkonferenzen des Conrad-von Soest-Gymnasiums und Vorgänger seit 1949
Soester Frauen für den Frieden (Hg.): ... als hätte es uns nie gegeben! Soest o.J.
Ich danke Judith Tornau-Opitz, Wener Braukmann, Ulrich Dellbrügger, Benno Dahlhoff, Ingo Drescher und Wolfgang Marciniak dafür, dass ich ihre Beiträge zum Schulprogramm für meinen Aufsatz ausschlachten durfte, und Helmut Kopper für die Überlassung einer schriftlichen Zusammenfassung eines Interviews mit unserem ehemaligen Schulleiter Helmut Busmann. Für mündliche Auskünfte danke ich Ursula Gutsche, Margot Müller, Hildegard Schmidt, Willi Goldstein, Wolfgang Lücking und Jürgen Meyer. J. G.
- Übersicht über die Geschichte unserer Schule >
* Beitrag aus der Festschrift zur 125-Jahr-Feier unserer Schule (2001)


